Basel wird Mitte Juni über eine der emotionalsten kommunalen Vorlagen des Jahres abstimmen. Am 14. Juni 2026 entscheiden die Stimmberechtigten darüber, ob die Stadt künftig stärker auf betreute Taubenhäuser setzen oder den bisherigen Kurs mit Fangaktionen und Abschüssen fortführen soll. Auslöser der schweizweiten Debatte war ein Video vom Zürcher Stadelhofenplatz, das im April 2026 in sozialen Netzwerken viral ging, berichtet Nume.ch auf Watson. Darauf war zu sehen, wie Stadttauben unter einem Vordach eingefangen und getötet wurden. Die Aufnahmen lösten heftige Reaktionen aus und verschärften die Diskussion über den Umgang mit Stadttauben in Schweizer Städten. Inzwischen berichten nationale Medien, Aktivisten und Stadtpolitiker regelmäßig über den Konflikt.
Im Zentrum steht dabei die Frage, welches Modell tatsächlich funktioniert. Zürich kämpft trotz strenger Maßnahmen weiterhin mit einer hohen Taubenpopulation, während Bern seit Jahren auf betreute Taubenhäuser setzt und die Zahl der Tiere deutlich reduzieren konnte. Basel wiederum steht nun zwischen diesen beiden Ansätzen. Die sogenannte Stadttauben-Initiative fordert einen umfassenden Ausbau betreuter Taubenschläge, streng kontrollierte Fütterung und ein Ende routinemäßiger Tötungen. Gegner warnen dagegen vor hohen Kosten und unklaren Resultaten. Die Abstimmung entwickelt sich damit zu einem politischen Richtungsentscheid für den zukünftigen Umgang mit Stadttauben in der Schweiz.
Zürich gerät wegen Taubentötungen zunehmend unter Druck
Die Diskussion über Stadttauben wird in Zürich seit Jahren geführt, doch das Video vom Stadelhofenplatz brachte das Thema plötzlich weit über die Stadtgrenzen hinaus in die Öffentlichkeit. Besonders kritisch sehen Aktivisten und Teile der Politik die Tatsache, dass Abschüsse weiterhin Bestandteil der Zürcher Strategie bleiben. Nach Angaben verschiedener Schweizer Medien wurden in Zürich in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich rund 1300 Tauben pro Jahr getötet. Gleichzeitig gilt dort seit 2023 ein Fütterungsverbot mit Bussen von 200 Franken. Dennoch berichten Behörden selbst, dass weiterhin intensiv gefüttert wird und die Schwärme teilweise sogar größer geworden seien.
Die Stadt argumentiert, dass große Taubenpopulationen erhebliche Probleme verursachen. Allein in Zürich leben schätzungsweise rund 16’000 Stadttauben. Der Kot verschmutzt Fassaden, Plätze und historische Gebäude. Zusätzlich verändern Netze und Metallspikes zunehmend das Stadtbild. Kritiker werfen der Stadt allerdings vor, dass reine Tötungsmaßnahmen langfristig keine nachhaltige Wirkung entfalten. Frei werdende Brutplätze würden schnell durch neue Tiere besetzt. Genau diese Kritik prägt inzwischen auch die politische Debatte in Basel.
Nach den Protesten im April forderten Zürcher Politiker der Grünen neue Regeln und einen stärkeren Ausbau von Taubenhäusern. Parallel dazu organisierten Tierschutzgruppen Demonstrationen gegen die bisherigen Maßnahmen. Die Debatte hat sich dadurch von einer hygienischen Frage zu einem Konflikt über Ethik, Stadtplanung und öffentliche Verantwortung entwickelt.
Bern gilt inzwischen als erfolgreichstes Schweizer Modell
Während Zürich weiter auf eine Kombination aus Verboten und Abschüssen setzt, verfolgt Bern seit Jahren einen deutlich anderen Ansatz. Dort werden Stadttauben in mehreren betreuten Taubenhäusern gehalten, gefüttert und medizinisch versorgt. Zusätzlich kontrolliert die Stadt die Fortpflanzung systematisch. Eier werden ausgetauscht und männliche Tiere sterilisiert. Verantwortlich dafür ist seit 2011 der Tierpark Bern.
Die Zahlen gelten inzwischen als bemerkenswert. In den 1980er- und 1990er-Jahren lebten in Bern noch mehr als 10’000 Stadttauben. Heute liegt die Population laut verschiedenen Berichten bei rund 1500 Tieren. Gleichzeitig konzentrieren sich die Schwärme stärker auf bestimmte Orte, wodurch Verschmutzungen in anderen Stadtteilen zurückgehen. Gerade in der UNESCO-geschützten Altstadt war das für die Behörden ein entscheidender Faktor.
Bern investiert jährlich mehr als 200’000 Franken in das System. Unterstützer argumentieren jedoch, dass langfristig weniger Kosten für Gebäudereinigung und Reparaturen entstehen. Der Tierpark Bern bezeichnet das Modell als wissenschaftlich fundiert und tierschutzkonform. Gegner kritisieren dagegen die laufenden Betriebskosten und den hohen organisatorischen Aufwand.
„Mit unserem Konzept kann die Zahl der Tauben reduziert werden – ganz ohne sie zu töten“, sagte die Basler Initiativpräsidentin Renée Winkler laut Schweizer Medien mit Blick auf das Berner Modell. (Renée Winkler, Basel, 2026).

Basel wird jetzt zum politischen Testfall der Schweiz
In Basel leben derzeit schätzungsweise rund 8000 Stadttauben. Genaue Zahlen existieren allerdings nicht. Sichtbare Maßnahmen wie Netze, Spikes oder punktuelle Abschüsse konnten die Situation bislang nicht nachhaltig entschärfen. Genau deshalb entstand vor rund drei Jahren die sogenannte Stadttauben-Initiative, die nun am 14. Juni 2026 vors Volk kommt.
Die Initiative fordert mindestens ein betreutes Taubenhaus pro Quartier. Dort sollen die Tiere gefüttert werden, damit sie an festen Orten bleiben und ihre Eier kontrolliert gegen Attrappen ausgetauscht werden können. Zusätzlich fordert das Komitee ein striktes Fütterungsverbot außerhalb dieser Anlagen sowie ein Ende routinemäßiger Tötungen. Getötet werden dürften künftig nur noch kranke oder verletzte Tiere. Anders als in Bern lehnen die Initianten allerdings Sterilisierungen ab.
Die Basler Regierung hält die Forderungen jedoch für zu weitreichend. Statt eines flächendeckenden Systems unterstützt sie einen Gegenvorschlag mit fünf betreuten Taubenschlägen innerhalb eines vierjährigen Pilotprojekts. Dafür bewilligte das Kantonsparlament bereits rund 830’000 Franken. Gleichzeitig sollen Abschüsse weiterhin möglich bleiben. Behörden warnen außerdem, dass ein vollständiges Netz von Taubenhäusern jährlich bis zu zwei Millionen Franken kosten könnte.
Besonders umstritten bleibt die Frage, ob betreute Taubenhäuser tatsächlich ausreichen würden, um die Population nachhaltig zu halbieren. Das Initiativkomitee verweist auf Bern und Luzern als erfolgreiche Beispiele. Die Regierung dagegen argumentiert, die wissenschaftliche Datenlage sei nicht eindeutig genug für einen großflächigen Ausbau.
Die Abstimmung könnte Auswirkungen auf andere Städte haben
Die Basler Abstimmung wird inzwischen weit über die Stadtgrenzen hinaus beobachtet. Mehrere Schweizer Städte diskutieren ähnliche Probleme. In Luzern läuft seit 2001 ein Stadttaubenprojekt mit kontrollierten Taubenschlägen, wodurch die Population laut Behörden deutlich gesunken sei. In Aarau führte ein zweiter Taubenschlag ebenfalls zu einer spürbaren Reduktion der Bestände. Gleichzeitig stehen Städte wie St. Gallen oder Zürich weiterhin unter Druck, neue Lösungen zu finden.
Die Debatte zeigt zudem, wie stark soziale Medien lokale Themen national sichtbar machen können. Ohne die Videoaufnahmen aus Zürich wäre die Basler Abstimmung vermutlich eine regionale Vorlage geblieben. Stattdessen entwickelte sich daraus eine schweizweite Diskussion über Tierethik, urbane Lebensqualität und die Verantwortung moderner Städte.
Ob Basel künftig stärker dem Berner Modell folgt oder am bisherigen Kurs festhält, entscheiden die Wähler am 14. Juni. Für viele Kommunen könnte dieses Ergebnis jedoch weit mehr sein als eine lokale Entscheidung. Es könnte zum Signal werden, wie Schweizer Städte künftig mit Stadttauben umgehen — durch Kontrolle und Betreuung oder weiterhin durch Verbote und Abschüsse.
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