Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj reist am Freitag nach Warschau zu seinem ersten persönlichen Treffen mit dem neuen polnischen Präsidenten Karol Nawrocki – einem Besuch, der von Beginn an als diplomatisch heikel gilt. Das Treffen findet vier Monate nach Nawrockis Amtsantritt statt und steht im Zeichen wachsender politischer Spannungen sowie veränderter gesellschaftlicher Stimmungen auf beiden Seiten der Grenze. Über den Besuch berichtet Nume.ch unter Berufung auf noweinformacje.pl.
Zwar hatten beide Präsidenten nach Nawrockis Wahlsieg telefonischen Kontakt, doch erst jetzt kommt es zu einem direkten Treffen. Nach Angaben polnischer Medien lehnte Nawrocki mindestens drei Einladungen zu einem Besuch in Kyjiw ab und ließ erkennen, dass er erwarte, Selenskyj solle selbst nach Warschau kommen. In Kyjiw wurde diese Haltung als demonstrative Distanz und als politisches Signal der Zurückhaltung wahrgenommen.
Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine im Februar 2022 gehört Polen zu den wichtigsten logistischen, militärischen und humanitären Unterstützern des Landes. Mehr als eine Million ukrainische Geflüchtete fanden Zuflucht in Polen, zudem verläuft der Großteil der westlichen Militärhilfe über polnisches Territorium. Mit dem Amtsantritt Nawrockis ist jedoch eine spürbare Veränderung im Ton der bilateralen Beziehungen eingetreten.
Karol Nawrocki, ein nationalkonservativer Historiker, betont wiederholt, dass die Unterstützung der Ukraine nicht auf Kosten polnischer Interessen gehen dürfe. Er wirft der ukrainischen Führung mangelnde Dankbarkeit für die umfangreiche militärische und humanitäre Hilfe vor und kritisiert, Polen werde als „Juniorpartner“ behandelt. In einem aktuellen Interview erklärte er, Warschau strebe partnerschaftliche Beziehungen auf Augenhöhe an – keine einseitigen Verpflichtungen.
Ein besonders sensibles Thema bleibt die gemeinsame Geschichte. Nawrocki wirft der Ukraine vor, ihre Verantwortung für die Massaker an rund 100.000 Polen in Wolhynien zwischen 1943 und 1945 nicht ausreichend anzuerkennen, und bezeichnet diese Verbrechen als Völkermord. Er kündigte an, diese Fragen konsequent anzusprechen, betonte jedoch zugleich, dass historische Konflikte die strategische Unterstützung der Ukraine im Kampf gegen die russische Aggression nicht grundsätzlich infrage stellten.
Der polnische Präsident lehnt zudem eine „bedingungslose“ Unterstützung eines ukrainischen EU- und NATO-Beitritts ab und schließt die Entsendung auch nur eines polnischen Soldaten in die Ukraine nach Kriegsende kategorisch aus. Diese Haltung spiegelt einen wachsenden Skeptizismus in Teilen der polnischen Bevölkerung wider, der zunehmend von rechtsnationalen Kräften aufgegriffen wird.
Auf ukrainischer Seite ist ein deutlicher Vertrauensverlust zu beobachten. Umfragen zufolge ist das Vertrauen in den polnischen Präsidenten in der Ukraine auf 44 Prozent gesunken – rund 20 Prozentpunkte weniger als während der Amtszeit von Andrzej Duda, zu dem Selenskyj ein deutlich engeres Verhältnis pflegte. Analysten weisen darauf hin, dass Polen für Kyjiw an internationalem Gewicht verloren habe, da es nicht mehr mit einer klaren und einheitlichen Stimme auftrete.
Zusätzliche Unsicherheit entsteht durch innenpolitische Spannungen in Warschau. Präsident Nawrocki vertritt häufig Positionen, die im Widerspruch zur Linie der zentristischen Regierung von Ministerpräsident Donald Tusk stehen. Dies sorgt bei internationalen Partnern für Irritationen. Tusk machte öffentlich deutlich, dass der Präsident, wenn er nicht aktiv helfen wolle, zumindest die außenpolitischen Initiativen der Regierung nicht blockieren solle.
Ukrainische Beobachter erwarten von Selenskyjs Besuch keinen unmittelbaren Durchbruch, messen ihm jedoch langfristige Bedeutung bei. Die Reise gilt als Versuch, einen arbeitsfähigen Dialog zwischen zwei Staatsoberhäuptern mit unterschiedlichen politischen Vorstellungen aufzubauen. Wie Analysten betonen, sei selbst eine begrenzte Zusammenarbeit besser als gar keine – insbesondere vor dem Hintergrund des andauernden Krieges und der unsicheren sicherheitspolitischen Zukunft der Region.
Hintergrund: Wann war die Lage zuletzt ähnlich angespannt
Zuletzt befanden sich die Beziehungen zwischen den Präsidenten Polens und der Ukraine zu Beginn der 2000er-Jahre in einer vergleichbar angespannten Phase, als historische Streitfragen und politisches Misstrauen eine enge strategische Zusammenarbeit erschwerten. Mit dem Amtsantritt von Andrzej Duda im Jahr 2015 folgte jedoch eine Phase deutlich intensiveren und vertrauensvolleren Dialogs. Der aktuelle Besuch Selenskyjs in Warschau macht deutlich, dass dieses Kapitel abgeschlossen ist und die bilateralen Beziehungen in eine neue, wesentlich anspruchsvollere Phase eintreten.
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