Am Sonntag, den 1. März 2026, findet in zahlreichen Gemeinden des Kantons Graubünden, insbesondere im Engadin, im Münstertal und im Albulatal, das traditionelle Frühlingsfest Chalandamarz statt. Diese jahrhundertealte rätoromanische Tradition markiert den Beginn des römischen Jahres und dient symbolisch der Vertreibung des Winters durch den Einsatz von massiven Glocken und rhythmischem Peitschenknallen. An den Feierlichkeiten nehmen hunderte schulpflichtige Kinder und Jugendliche teil, die in traditionellen blauen Hirtenhemden durch die historischen Dorfkerne ziehen. Die Veranstaltung hat eine hohe kulturelle Bedeutung und zieht jährlich tausende Besucher an, was Auswirkungen auf die lokale Hotellerie und die Verkehrsführung in Regionen wie Samedan, Zuoz und Scuol hat. Die Koordination erfolgt durch die lokalen Schulbehörden und Tourismusorganisationen zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes. Wie die NUME Redaktion berichtet.
Historische Wurzeln und die Bedeutung des rätoromanischen Erbes
Der Chalandamarz ist tief in der Geschichte Graubündens verwurzelt und geht auf die römische Besetzung der Region zurück. Der Begriff leitet sich von „Calendae Martii“ ab, dem ersten Tag des Monats März im römischen Kalender, der ursprünglich den offiziellen Jahresbeginn markierte. In der agrarisch geprägten Gesellschaft des Hochgebirges war dies der Zeitpunkt, an dem die bäuerlichen Pachtverträge endeten, die Knechte ihre Stellen wechselten und die Vorbereitungen für die kommende Alpsaison begannen.
Die rätoromanische Sprache, die heute noch in fünf verschiedenen Idiomen (Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran, Puter und Vallader) gesprochen wird, ist der zentrale Träger dieser Tradition. Während des Umzugs singen die Kinder Lieder, die seit Generationen mündlich überliefert werden. Das bekannteste Lied beginnt mit den Zeilen „Chalandamarz, Chaland'abril, lascha las vachas ord l'uvril“ (März-Kalender, April-Kalender, lass die Kühe aus dem Stall). Für den Kanton Graubünden ist das Fest ein wichtiges Instrument zur Sprachförderung und Identitätsstiftung. Es symbolisiert den Sieg des Lichts über die Dunkelheit und der Fruchtbarkeit über den Frost. Seit 2012 steht das Fest offiziell auf der Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz.
Ablauf der Feierlichkeiten am 1. März 2026 in den Regionen
Der 1. März 2026 fällt auf einen Sonntag, was eine besonders hohe Teilnehmer- und Besucherzahl verspricht. Der Ablauf ist in den meisten Dörfern streng ritualisiert und beginnt oft noch vor dem Morgengrauen, um den Winter endgültig aus den Talschaften zu verdrängen.
Der Weckruf und die Formation
Bereits gegen 04:00 Uhr morgens ziehen die ältesten Schüler, oft die sogenannten „Patruns“, mit schweren Glocken (Plumpas) durch die Gassen, um das Dorf rituell zu wecken. Der offizielle Hauptumzug formiert sich gegen 08:30 Uhr auf dem zentralen Dorfplatz (Plazza). Die Hierarchie ist klar definiert: Vorne laufen die Jüngsten mit kleinen Schellen, gefolgt von den mittleren Jahrgängen. Den Abschluss bilden die ältesten Schüler, die massive, bis zu 15 Kilogramm schwere Kuhglocken an kunstvoll verzierten Lederriemen tragen.
Das Peitschenknallen (Sclatmar)
Ein besonderes Spektakel, das vor allem im Oberengadin eine Renaissance erlebt, ist das Peitschenknallen. Die Jugendlichen schwingen lange Lederpeitschen in präzisen Bewegungen, bis die Spitze die Schallmauer durchbricht. Der Knall symbolisiert das Zerbrechen der Eisdecke auf den Seen und Bächen. In Gemeinden wie Samedan oder Pontresina finden hierzu öffentliche Vorführungen statt, bei denen die Präzision und Kraft der Jugendlichen im Vordergrund stehen.
Regionale Besonderheiten und touristische Hotspots
Obwohl der Grundgedanke der Wintervertreibung überall gleich ist, haben sich in den verschiedenen Tälern Graubündens einzigartige Varianten des Chalandamarz entwickelt, die jeweils einen eigenen Charakter besitzen.
Das Oberengadin: Zuoz und Samedan als Zentren der Tradition
Zuoz gilt als eines der konservativsten Dörfer. Hier wird penibel auf die Einhaltung der Trachtenordnung geachtet. Die Knaben tragen die blauen „Chasachas“ (Sennenkittel) mit roter Zipfelmütze. In Samedan hingegen hat sich der Brauch modernisiert: Hier nehmen Mädchen seit einigen Jahren gleichberechtigt mit den Jungen am Glockenumzug teil. Die Kulisse der historischen Patrizierhäuser mit ihren Sgraffito-Fassaden bietet hierbei eine weltweit einzigartige Atmosphäre für Besucher.
Guarda: Auf den Spuren des Schellen-Ursli
Guarda im Unterengadin ist weltberühmt als Schauplatz des Kinderbuchklassikers „Uorsin“ (Schellen-Ursli). Die Geschichte von Selina Chönz und Alois Carigiet hat das Fest international bekannt gemacht. Der Umzug führt in Guarda durch extrem enge und steile Gassen. Für viele Familien ist der Besuch in Guarda am 1. März eine Art Pilgerreise. Das Dorf selbst steht unter nationalem Denkmalschutz und begrenzt am Festtag den Zugang für motorisierte Fahrzeuge massiv.

Poschiavo: Die Verbrennung des Winters
Im italienischsprachigen Val Poschiavo wird der Chalandamarz als „Pupocc da l’invern“ gefeiert. Hier wird am Ende des Umzugs eine Strohpuppe, die den Winter symbolisiert, auf dem Dorfplatz verbrannt. Dies ist eine drastischere Form der rituellen Reinigung, die zeigt, wie vielfältig die kulturellen Einflüsse innerhalb des Kantons Graubünden sind.
Strukturierter Leitfaden für Besucher: Planung und Logistik
| Gemeinde | Startzeit Umzug | Anreise-Empfehlung | Besonderes Highlight |
| Zuoz | 08:30 Uhr | Rhätische Bahn (Direkt) | Traditionelle Trachten |
| Samedan | 09:00 Uhr | P+R am Flugplatz | Größter Umzug, Peitschen |
| Guarda | 08:30 Uhr | Bahn bis Giarsun + Bus | Schellen-Ursli-Haus |
| Scuol | 08:00 Uhr | Lokaler Ortsbus | Gesang am Dorfbrunnen |
| Pontresina | 08:15 Uhr | RhB Bahnhof Pontresina | Besonders kinderfreundlich |
Kleidung und klimatische Bedingungen
Besucher sollten dringend beachten, dass im Engadin auf 1.700 bis 1.800 Metern über Meer am 1. März noch tiefer Winter herrscht. Die Temperaturen können am frühen Morgen zwischen -5 °C und -15 °C liegen.
- Schuhwerk: Profilierte Sohlen sind Pflicht, da die Dorfstraßen oft mit einer festen Schneedecke oder Eis überzogen sind.
- Zwiebelprinzip: Warme Funktionsunterwäsche und winddichte Oberbekleidung sind für langes Stehen am Straßenrand essenziell.
Verhaltensregeln und Etikette
Der Chalandamarz ist kein kommerzielles Festival, sondern ein gelebtes Brauchtum.
- Kein Durchbruch: Durchbrechen Sie niemals die Formation der ziehenden Kinder für ein Foto.
- Sammelbüchsen: Die Kinder sammeln Geld für Schulausflüge oder Klassenlager. Es gehört zum guten Ton, Münzen (CHF) bereitzuhalten.
- Ruhe während des Gesangs: Wenn der Zug an einem Brunnen oder Platz anhält, um zu singen, sollte das Publikum absolute Stille wahren.
Wirtschaftliche und soziale Dimension des Festes
Hinter der malerischen Fassade verbirgt sich ein erheblicher wirtschaftlicher und handwerklicher Aufwand. Die großen „Plumpas“ sind Wertgegenstände, die oft über 1.000 CHF kosten.
Handwerk und Tradition
Die Herstellung der Glockenriemen ist eine Kunstform für sich. Das Leder wird oft mit bunten Stickereien, Fransen und den Namen der Besitzer verziert. In den Monaten vor dem 1. März herrscht in den lokalen Sattlereien Hochbetrieb. Auch die Herstellung der Sennenkittel unterstützt lokale Textilbetriebe. Viele Familien sparen jahrelang, um ihrem Kind eine besonders klangvolle und prächtige Glocke zu ermöglichen.
Soziale Integration
In einer Region mit hohem Tourismusanteil und vielen Saisonarbeitskräften fungiert der Chalandamarz als Integrationsmotor. Kinder aus zugezogenen Familien – egal ob aus Portugal, Italien oder dem deutschen Unterland – nehmen teil. Sie lernen die rätoromanischen Texte und werden so organischer Teil der Dorfgemeinschaft. Dies stärkt den sozialen Zusammenhalt in den oft kleinen Berggemeinden nachhaltig.
Die pädagogische Rolle der Bündner Schulen
Der Chalandamarz ist im Kanton Graubünden kein schulfreier Tag im klassischen Sinne, sondern ein fest im Lehrplan verankerter Projekttag. Die Vorbereitung beginnt bereits Wochen vorher im Musik- und Sprachunterricht.
Lernziele des Brauchtums
Die Schüler lernen nicht nur die Texte, sondern auch die kulturhistorischen Hintergründe. Es geht um Disziplin und Ausdauer: Eine schwere Glocke über mehrere Stunden durch die Kälte zu tragen, erfordert physische und mentale Stärke. Die älteren Schüler übernehmen Verantwortung für die jüngeren („Patschifig“), führen sie an der Hand und achten darauf, dass niemand den Anschluss verliert. Nach dem Umzug findet oft ein gemeinsames Mittagessen für die Schüler statt, gefolgt von einem Schülerball am Abend, der den sozialen Abschluss des Winters bildet.
Infrastruktur und Transportwesen am 1. März 2026
Da der 1. März 2026 ein Sonntag ist, wird mit einem massiven Aufkommen an Tagestouristen gerechnet. Die Infrastruktur des Engadins wird an ihre Grenzen stoßen.
- Rhätische Bahn (RhB): Die Bahngesellschaft setzt auf der Albulalinie und der Strecke St. Moritz–Scuol Verstärkungswagen ein. Es wird empfohlen, Tickets bereits vorab über die SBB- oder RhB-App zu kaufen.
- Straßensperrungen: Die Hauptstraßen durch die Dörfer (z.B. die Durchfahrt in Zuoz oder Samedan) sind von 08:00 bis ca. 12:00 Uhr für jeglichen motorisierten Verkehr gesperrt. Eine Durchreise ist in dieser Zeit nur über die Umfahrungsstraßen möglich.
- Parkplätze: In Guarda und Zuoz sind die Parkplätze extrem begrenzt. Die Polizei leitet den Verkehr oft schon kilometerweit vor den Dörfern auf provisorische Parkflächen um.
Gastronomie und Kulinarik zum Chalandamarz
Das Fest ist auch ein kulinarisches Ereignis. In den Restaurants werden traditionelle Bündner Gerichte serviert, die Kraft für den kalten Tag spenden.

- Bündner Gerstensuppe: Der Klassiker mit Rollgerste, Gemüse und Bündnerfleisch-Stückchen.
- Pizokel: Eine Teigspeise, die oft mit viel Käse, Speck und Mangold (Capuns-Blättern) serviert wird.
- Chalandamarz-Gebäck: In einigen Bäckereien gibt es spezielles Gebäck in Glockenform, das nur an diesem Wochenende verkauft wird.
Anwohner stellen oft Tische mit heißem Tee oder Punsch vor ihre Häuser, um die frierenden Zuschauer und Teilnehmer zu verpflegen. Es herrscht eine Atmosphäre der Gastfreundschaft, die den harten Kontrast zum frostigen Wetter bildet.
Die Symbolik des Peitschens und der Glocken
Wissenschaftlich betrachtet handelt es sich beim Chalandamarz um einen „Lärmbrauch“. In der Volkskunde wird dies als apotropäischer Zauber bezeichnet – Lärm zur Abwehr des Bösen. Die Glocken haben unterschiedliche Töne: Die hohen Töne der kleinen Schellen sollen das junge Leben (den Frühling) wecken, während die tiefen, dumpfen Töne der großen Glocken den alten, schweren Winter vertreiben. Das Peitschenknallen wiederum ist ein Fruchtbarkeitsritual. Der Knall entsteht durch eine extrem schnelle Richtungsänderung der Peitschenschnur, was im Volksglauben die Lebensgeister in der gefrorenen Erde aktiviert.
Bedeutung des Chalandamarz für die moderne Schweiz
In einer zunehmend digitalisierten und globalisierten Welt bietet der Chalandamarz 2026 einen notwendigen Ankerpunkt lokaler Identität. Während die rätoromanische Sprache im Alltag oft gegen das dominierende Schweizerdeutsch kämpft, zeigt dieser Tag die Vitalität und Widerstandsfähigkeit der rätischen Kultur. Das Fest ist kein starres Museumsstück, sondern entwickelt sich weiter – wie die Debatten um die Teilnahme von Mädchen zeigen.
Für die Menschen in Graubünden bedeutet der 1. März den psychologischen Übergang. Auch wenn im Hochgebirge im März oft noch Rekordschneehöhen gemessen werden, ist das „Jahr des Winters“ an diesem Tag offiziell beendet. Die rituellen Handlungen vermitteln Sicherheit und Beständigkeit. Für Besucher bietet sich ein authentisches Erlebnis, das weit über den üblichen Skitourismus hinausgeht und einen tiefen Einblick in die Seele der Bündner Bergbevölkerung erlaubt. Es ist der Tag, an dem die Stille der Berge durch den Klang der Freiheit und des Neubeginns ersetzt wird.
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