Nacktverbot auf Zürcher Insel gefordert: Auf der Werdinsel in Zürich soll laut einer anonymen Petition der einzige offizielle FKK-Bereich der Stadt vollständig abgeschafft werden. Das Schreiben, das derzeit im Quartier Höngg verteilt wird, sorgt für wachsende Spannungen – nicht nur lokal, sondern stadtweit. Betroffen ist der westlichste Zipfel der Insel, ein Abschnitt entlang der Limmat, der seit Jahrzehnten als Ort für naturnahe Erholung, stille Rückzugsorte und gelebte Körperfreiheit gilt. Eingebettet zwischen Büschen, Wiese und Wasser, gilt das Areal als Symbol für ein offenes Zürich – und steht nun im Zentrum einer gesellschaftlichen Debatte.Das berichtet NUME.ch unter Berufung auf Blick.

In der Petition, deren Urheber sich als "Anwohnerinnen und Anwohner" bezeichnen, ist von einer Reihe schwerwiegender Vorwürfe die Rede. Sexuelle Handlungen, exhibitionistische Übergriffe und Belästigungen gegenüber Frauen würden demnach auf der Insel regelmäßig beobachtet. Besonders Eltern äußerten laut Schreiben Sorgen um das Wohl ihrer Kinder, die den Ort ebenfalls zum Baden nutzen. Als Kontakt ist lediglich eine anonyme GMX-Adresse angegeben. Namen oder eine verantwortliche Organisation fehlen. Die Petition argumentiert, nicht die Nacktheit selbst, sondern das Verhalten einzelner Besucher sei das Problem. Dennoch fordert sie die vollständige Schließung des Bereichs. Als Begründung wird unter anderem genannt, dass der FKK-Zipfel „etwa die Hälfte der Insel“ einnehme – eine Aussage, die durch offizielle Angaben der Stadt Zürich jedoch korrigiert wurde. Laut Stadt handelt es sich um eine klar begrenzte Fläche am äußersten Inselspitz, die durch Schilder ausgewiesen und durch Bewuchs vom restlichen Erholungsgebiet abgegrenzt ist.
Die Zürcher Stadtpolizei bestätigt auf Anfrage, dass zwischen 2022 und 2025 insgesamt fünf Anzeigen wegen sexueller Handlungen auf der Werdinsel eingegangen seien. Dabei handle es sich um Einzelfälle. Es sei nicht Aufgabe der Stadt, legale Formen der Nacktheit zu sanktionieren, solange keine Gesetzesverstöße vorlägen. Sexuelle Handlungen im öffentlichen Raum bleiben strafbar – unabhängig von Bekleidung oder Ort. Bereits in den Jahren zuvor hatte die Stadt Zürich Maßnahmen ergriffen, um Rückzugsräume für problematisches Verhalten zu reduzieren: 2015 wurden in Zusammenarbeit mit den Homosexuellen Arbeitsgruppen Zürich und dem Checkpoint Zürich Schilder zur Gebietseinteilung angebracht. Das sogenannte „Cruising-Wäldchen“ wurde teilweise ausgelichtet, um verdeckte Treffpunkte zu minimieren.
Unter den regelmäßigen Besucherinnen und Besuchern der Werdinsel stößt die Petition auf Unverständnis. Viele von ihnen sehen den Ort nicht als Schauplatz für Grenzüberschreitungen, sondern als Gegenentwurf zum oft kommerzialisierten Körperbild in Freibädern. So beschreibt ein langjähriger FKK-Besucher namens Timo den Ort als „den schönsten Zipfel der Stadt“, an dem sich Menschen „entspannt und frei“ bewegen könnten – unabhängig von Alter, Geschlecht oder sexueller Orientierung. Dass die Insel über Jahrzehnte ein Treffpunkt der homosexuellen Szene war, wird weder geleugnet noch problematisiert. Vielmehr betonen langjährige Gäste die kulturelle Bedeutung der Zone für ein tolerantes und diverses Stadtleben.
Auch unter Frauen ist die Einschätzung geteilt. Einige Besucherinnen berichten von vereinzelten Vorfällen unangenehmer Blicke oder störender Präsenz einzelner Männer. Eine Frau erzählt, dass sie sich an bestimmten Tagen gezwungen sah, den Platz zu verlassen, weil Männer sie offenbar absichtlich beobachteten. Andere wiederum sehen gerade in der Offenheit des Ortes eine Chance, das Thema Körper und Nacktheit zu enttabuisieren. Auf sozialen Plattformen wie Reddit wird die Petition scharf kritisiert. Nutzer werfen den Initiatoren „Bünzlitum“ und Intoleranz vor und verweisen auf die Freiwilligkeit des Besuchs: Niemand werde gezwungen, durch die FKK-Zone zu gehen – Umwege seien möglich, der Bereich sei sichtbar abgegrenzt.
Ein Nutzer schreibt: „Wir sind mit unseren Kindern an den Nackten vorbeigeschwommen – niemand hat sich gestört. Der Ort ist friedlich.“ Ein anderer kommentiert: „Ich habe tatsächlich jemanden gesehen, der sich daneben benommen hat – aber dafür gibt es das Ordnungsamt, nicht das Verbot ganzer Lebensräume.“
Die Debatte um die Werdinsel ist nicht neu, bekommt aber durch die Petition neuen Schub. Dabei offenbart sich ein grundlegender Konflikt: Wie viel Toleranz verträgt der öffentliche Raum, wenn Einzelne Regeln überschreiten? Wie weit darf individuelle Freiheit gehen, bevor sie zur Belastung für andere wird? Und in welcher Form dürfen Städte mit Vielfalt umgehen, ohne einzelne Gruppen zu diskriminieren?
Eine repräsentative Umfrage der Zeitung Blick mit über 7500 Teilnehmenden zeigt: Die Hälfte der Befragten spricht sich gegen ein FKK-Verbot aus. Auch die Stadt Zürich selbst sieht keinen Anlass für Änderungen. Sie setzt auf bestehende Regelwerke, Eigenverantwortung und Kontrolle – nicht auf flächendeckende Einschränkungen.
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