China verschärft seine Vorschriften zur Fahrzeugsicherheit und wird versteckte, elektrisch abhängige Türgriffe bei Elektrofahrzeugen (EVs) landesweit verbieten. Hintergrund sind Sicherheitsbedenken nach mehreren schweren Unfällen, bei denen Fahrzeuginsassen oder Ersthelfer die Türen nach Kollisionen nicht öffnen konnten. Darüber berichtet Nume.ch unter Berufung auf Financial Times.

Die Entscheidung wurde vom chinesischen Ministry of Industry and Information Technology bekannt gegeben und macht China zum ersten grossen Automarkt, der ein ausdrückliches Verbot solcher Türsysteme erlässt. Die neuen Vorschriften treten am 1. Januar 2027 in Kraft. Für bereits zugelassene Modelle gelten Übergangsfristen.

Warum versteckte Türgriffe populär wurden

Versenkbare oder bündig integrierte Türgriffe wurden im modernen Fahrzeugdesign vor allem durch Tesla mit der Einführung des Model S im Jahr 2012 bekannt. Durch die glatte Karosserieoberfläche lässt sich der Luftwiderstand geringfügig reduzieren, was insbesondere bei Elektroautos als Vorteil für Reichweite und Effizienz vermarktet wurde.

Darüber hinaus galten solche Griffe als Symbol für technologischen Fortschritt und minimalistisches Design. In den vergangenen Jahren übernahmen zahlreiche Hersteller dieses Konzept. In China, dem weltweit grössten EV-Markt, verfügen laut staatlichen Medien rund 60 Prozent der 100 meistverkauften New-Energy-Fahrzeuge (Elektro- und Plug-in-Hybridmodelle) über eine Form von elektrisch betätigten, verdeckten Türgriffen.

Sicherheitsbedenken und tödliche Unfälle

Trotz ihrer Beliebtheit stehen diese Systeme zunehmend in der Kritik von Sicherheitsbehörden. Der zentrale Schwachpunkt: Viele versteckte Türgriffe funktionieren ausschliesslich elektrisch. Bei schweren Unfällen, Bränden oder Stromausfällen kann die Türverriegelung blockiert bleiben, obwohl die Fahrzeugstruktur selbst nicht deformiert ist. Chinesische Behörden verwiesen auf mehrere Vorfälle, die diese Risiken verdeutlichten. Im Oktober 2025 kam es in Chengdu zu einem schweren Unfall mit einer elektrischen Limousine des Herstellers Xiaomi, bei dem Augenzeugen das Fahrzeug nicht rechtzeitig öffnen konnten, bevor es in Brand geriet.

Auch international wurden ähnliche Fälle diskutiert. In den USA haben die Eltern eines Jugendlichen, der 2024 bei einem Unfall mit einem Fahrzeug von Tesla ums Leben kam**, Klage eingereicht. Sie werfen dem Hersteller vor, dass ein Stromausfall nach der Kollision dazu führte, dass die elektronisch gesteuerten Türen nicht mehr zu öffnen waren. Zwar gelten solche Ereignisse als statistisch selten, doch wegen der potenziell tödlichen Folgen rückten sie verstärkt in den Fokus von Sicherheitsprüfungen weltweit.

Neue Vorschriften: Was genau vorgeschrieben wird

Die neuen chinesischen Regeln legen detailliert fest, wie Türen künftig auch ohne Strom geöffnet werden können:

  • Mechanische Notöffnungen müssen an allen Passagiertüren vorhanden sein und von innen und von aussenbedienbar sein. Für Kofferraum oder Heckklappe gelten gesonderte Bestimmungen.
  • Jede Tür muss einen klar definierten, handbedienbaren Öffnungsraum von mindestens 6 × 2 × 2,5 Zentimeternaufweisen, um das manuelle Entriegeln auch bei vollständigem Stromausfall zu ermöglichen.
  • Im Innenraum müssen deutlich sichtbare Hinweise angebracht sein, die erklären, wie die Tür im Notfall manuell geöffnet werden kann.
China verbietet ab Januar 2027 versteckte Türgriffe bei Elektroautos. Neue Regeln schreiben mechanische Notöffnungen vor, um Insassen und Rettungskräften nach Unfällen besseren Zugang zu ermöglichen.

Fahrzeuge, die bereits zugelassen sind oder kurz vor Markteinführung stehen, erhalten eine Übergangsfrist von bis zu zwei Jahren. Alle neuen Modelle, die ab Januar 2027 eingeführt werden, müssen die Anforderungen vollständig erfüllen.

Auswirkungen auf Hersteller

Für viele Autobauer, insbesondere für chinesische Hersteller mit schnell wachsenden EV-Portfolios, bedeutet die Regelung substantielle technische Anpassungen. Türmodule, Verriegelungen und Karosseriekomponenten müssen neu konstruiert werden, um stromunabhängige Öffnungssysteme zu integrieren. Betroffen sind nicht nur internationale Marken wie Tesla, sondern auch grosse chinesische Produzenten wie BYD, das im vergangenen Jahr Tesla als weltweit grössten EV-Verkäufer überholt hat. Branchenexperten gehen davon aus, dass künftige Fahrzeugplattformen die neuen Sicherheitsanforderungen standardmässig berücksichtigen werden.

Da viele Fahrzeuge primär für den chinesischen Markt entwickelt werden, könnte die Regelung zudem internationale Auswirkungen haben. Mechanische Türnotöffnungen, die für China eingeführt werden, dürften zunehmend auch in Europa und Nordamerika zum Einsatz kommen, um unterschiedliche Designvarianten zu vermeiden.

Globaler regulatorischer Kontext

Derzeit hat kein anderer grosser Markt ein vergleichbares ausdrückliches Verbot erlassen. Dennoch prüfen Sicherheitsbehörden in den USA, der EU und Grossbritannien verstärkt elektronische Zugangssysteme, insbesondere im Zusammenhang mit Bränden und Stromausfällen nach Unfällen.

Vor diesem Hintergrund gilt Chinas Vorgehen als möglicher Impuls für eine internationale Annäherung der Sicherheitsstandards. Verbraucherschutzorganisationen begrüssen den Schritt, da Notausstieg und Rettungszugangwichtiger seien als marginale Effizienzgewinne durch aerodynamisches Design. Automobilhersteller hingegen warnen vor höheren Kosten und zusätzlicher Komplexität, rechnen aber kaum mit einem Verzicht auf mechanische Sicherheitslösungen.

Mit Blick auf das Inkrafttreten der Vorschriften im Jahr 2027 richtet sich die Aufmerksamkeit nun auf andere Märkte. Sollten ähnliche Regeln in Europa oder Nordamerika folgen, könnte dies das Ende rein elektrisch betriebener Türsysteme markieren. Für Autofahrerinnen und Autofahrer – auch in der Schweiz – unterstreicht die Entwicklung einen grundlegenden Wandel in der Fahrzeugentwicklung: Sicherheit und Notfallzugänglichkeit rücken stärker in den Vordergrund als rein ästhetische oder aerodynamische Optimierungen.

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