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Bewusstes Nichtstun widerspricht dem Zeitgeist: Der gesellschaftliche Druck zur ständigen Produktivität lässt kaum Raum für echtes Innehalten. Wie sehr diese Haltung inzwischen die psychische Verfassung belastet, belegen aktuelle Daten aus Deutschland und der Schweiz. So zeigen Zahlen des Bundesinstituts für Psychische Gesundheit (2025), dass 71 % der Erwerbstätigen in Deutschland sich dauerhaft überfordert fühlen. Gleichzeitig empfinden 68 % das bewusste „Nichtstun“ als fremd, unangemessen oder sogar gefährlich.

In der Schweiz ergab der Job-Stress-Index 2024 der Stiftung Gesundheitsförderung, dass inzwischen über 30 % der Berufstätigen unter starker emotionaler Erschöpfung leiden. NUME.ch berichtet unter Berufung auf diese Studien, dass der Mensch der Gegenwart verlernt hat, innezuhalten – und dafür mit Reizbarkeit, innerer Leere und zunehmender geistiger Erschöpfung zahlt. Dabei ist die Fähigkeit zur absichtslosen Pause keine Faulheit, sondern – wie Denker von Aristoteles bis Byung-Chul Hanbetonen – eine zentrale Dimension des Menschseins.

Stressreport 2025: Zahlen, die aufhorchen lassen

Die neuesten Daten aus dem Psychischen Gesundheitsreport Deutschland 2025 zeigen eine klare Tendenz: Die mentale Erschöpfung nimmt rapide zu.

KategorieWert 2025Vergleich 2023
Menschen mit Dauerstressgefühl71 %64 %
Burnout-nahe Symptome44 %39 %
Keine tägliche bewusste Pause62 %55 %
Empfundene Schuld beim Nichtstun68 %60 %
Kreativität unter Stress leidet77 %70 %

„Wir erleben eine kollektive mentale Überreizung – die Menschen funktionieren, aber sie leben nicht mehr.“
– Prof. Dr. Maren Keller, Neurowissenschaftlerin, LMU München

Psychologische Folgen ständiger Aktivität

Wer sich nie erlaubt, nichts zu tun, bringt sein zentrales Nervensystem aus dem Gleichgewicht. Dauerhafte Reizüberflutung aktiviert das Stresssystem – Cortisolspiegel steigen, Schlaf wird unruhig, Konzentration bricht ein. Laut einer Studie der Universität Zürich (2025) reduziert regelmäßiges Innehalten den Stressindex um bis zu 35 % innerhalb eines Monats. Der präfrontale Cortex, zuständig für Entscheidungsfindung und Kreativität, erholt sich erst dann, wenn der Mensch „absichtslos“ wird. Nichtstun aktiviert zudem den sogenannten Default Mode Network – ein Hirnzustand, der für Reflexion, Gedächtnisbildung und Innovation essentiell ist.

Philosophie des Müßiggangs: Von Aristoteles bis Han

Schon Aristoteles betonte in der „Nikomachischen Ethik“, dass der Mensch nicht zum reinen Zweckleben geboren sei, sondern zur „Kontemplation“ – zur Betrachtung der Welt um ihrer selbst willen. In der Renaissance galt das Nachdenken ohne Ziel als höchste Form geistiger Tätigkeit. In der Gegenwart fordert der südkoreanische Philosoph Byung-Chul Haneine Rückkehr zur „kontemplativen Lebensform“, um der Beschleunigung der Zeit entgegenzuwirken. In seinem Werk „Die Müdigkeitsgesellschaft“ beschreibt er eindrücklich, wie der moderne Mensch sich selbst ausbeutet – unter dem Deckmantel der Freiheit.

„Nur in der Stille erkennt der Mensch sein wahres Bedürfnis.“ – Byung-Chul Han

Beispiele aus der Praxis: Kulturvergleiche & Firmeninitiativen

  1. Japan – Inemuri
    In der japanischen Arbeitskultur ist es erlaubt (und sogar respektiert), im Büro kurz zu schlafen – ein Zeichen tiefer Erschöpfung und Hingabe.
  2. Italien – Dolce Far Niente
    Das süße Nichtstun gehört zur italienischen Identität. Es bedeutet: sitzen, beobachten, genießen – ohne Schuldgefühl.
  3. Deutschland – Waldpausen bei SAP
    Der IT-Konzern SAP hat 2024 ein Pilotprojekt gestartet: Mitarbeitende dürfen sich täglich 30 Minuten für „Waldzeit“ nehmen – mit positiven Effekten auf Konzentration und Innovationskraft.
  4. Schweiz – Leerlauf-Tage
    Der Kanton Zug fördert mit lokalen Unternehmen freiwillige Leerlauftage – bewusst leergeplante Tage ohne Meetings oder Zielvorgaben.

7 konkrete Strategien für mehr bewusste Leere

StrategieBeschreibung
1. Stille-Zeit planenTäglich 15–30 Minuten ohne Input – kein Handy, kein Ziel, nur sein.
2. Bildschirmfreie StundenAbends oder am Sonntag Handy und Laptop konsequent meiden.
3. Müßig-Ort einrichtenEinen Raum oder Stuhl nur fürs Nichtstun oder Denken reservieren.
4. 50/10-MethodeAlle 50 Minuten Arbeit – 10 Minuten absichtsloser Leerlauf.
5. Spaziergänge ohne ZielSpazieren ohne Podcast, Tracking oder Richtung – der Weg ist das Ziel.
6. Kreative LeerlaufzeitenKritzeln, malen oder Tagträumen – ohne Performance-Gedanken.
7. Achtsamkeit beim FrühstückLangsam essen, schmecken, atmen – ohne gleich E-Mails zu lesen.

„Kreativität entsteht oft genau dann, wenn wir glauben, nichts zu tun.“ – Julia Neuhaus, Kreativcoach, Berlin

Wer immer verfügbar ist, verliert irgendwann die Verbindung zu sich selbst. Der moderne Mensch hat das Innehalten verlernt – und damit einen der zentralsten Räume geistiger und seelischer Regeneration aufgegeben. Doch gerade jetzt, da die psychische Erschöpfung messbar wächst, ist Müßiggang kein Rückzug, sondern Widerstand. Ein bewusster Moment des Nichts kann mehr für Gesundheit, Kreativität und Selbstwahrnehmung tun als jede To-do-Liste.

Bleiben Sie informiert – Relevantes. Jeden Tag. Lesen Sie, worum es heute wirklich geht: Gesund bleiben im Homeoffice: Wie oft man aufstehen muss

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