Der russische Kosmonaut Oleg Artemjew wird nicht wie geplant an der SpaceX-Mission Crew-12 teilnehmen. Roskosmos begründet die Umbesetzung offiziell mit einem „Wechsel auf eine andere Aufgabe“. Parallel dazu berichten mehrere internationale Quellen jedoch über einen sicherheitsrelevanten Vorfall während Artemjews Ausbildung im SpaceX-Hauptquartier in Hawthorne, Kalifornien. Nach übereinstimmenden Angaben soll der 54-Jährige interne technische Bereiche fotografiert haben, die unter das US-Exportkontrollrecht ITAR fallen. Eine offizielle Bestätigung liegt nicht vor, doch der zeitliche Ablauf und die ungewöhnliche Personalentscheidung sorgen international für Aufmerksamkeit. Darüber berichtet Nume.ch unter Berufung auf Space.com und The Insider.

Ungewöhnliche Umbesetzung kurz vor dem Start
Roskosmos veröffentlichte am 2. Dezember lediglich eine kurze Erklärung, wonach Andrej Fedjajew den Kosmonauten Oleg Artemjew in der Hauptcrew von SpaceX-Crew-12 ersetzt. Eine Begründung über die Formulierung eines „Wechsels auf eine andere Aufgabe“ hinaus liefert die Behörde nicht.
Umbesetzungen dieser Art wenige Monate vor einem geplanten Start gelten in der internationalen bemannten Raumfahrt als ungewöhnlich, da sie unmittelbar in die Missionsplanung, das Training und die Sicherheitsabläufe eingreifen. Üblicherweise werden medizinische, technische oder organisatorische Gründe transparent benannt. Dass Roskosmos diesmal keinerlei Details nennt, ist vor diesem Hintergrund bemerkenswert, zumal sämtliche vorbereitenden Abläufe für eine Langzeitmission bereits weit fortgeschritten sind.
Berichte über mutmaßlichen Vorfall im SpaceX-Hauptquartier
Am selben Tag veröffentlichten internationale Medien Hinweise auf einen sicherheitsrelevanten Zwischenfall. Das US-Portal Space.com verweist auf Recherchen des russischen Investigativmediums The Insider, wonach Artemjew während seines Trainings interne technische Komponenten und Unterlagen von SpaceX fotografiert haben soll.
Laut The Insider handelt es sich dabei um Inhalte, die als „sensitive technical data“ eingestuft werden könnten. Ein namentlich genannter Experte, der Raketenstart-Analyst Georgi Trischkin, erklärt in dem Bericht:
„Meine Kontakte bestätigen, dass ein Verstoß stattgefunden hat und ein interdepartementales Prüfverfahren eingeleitet wurde.“
SpaceX und NASA haben Anfragen zu dem Vorgang bislang nicht beantwortet.
Was unter ITAR als Verstoß gilt
Das US-Exportkontrollrecht ITAR (International Traffic in Arms Regulations) reguliert die Weitergabe sicherheitsrelevanter Technologien im Luft- und Raumfahrtbereich.
Relevant ist dabei folgender Grundsatz:
- Die Offenlegung technischer Daten gegenüber nicht-US-Staatsbürgern
- oder das Mitführen solcher Daten außerhalb kontrollierter Bereiche
kann bereits als „Export“ gelten – unabhängig von der Absicht der beteiligten Person.
Ein Foto eines Triebwerks, eines Bauteils oder einer technischen Dokumentation kann daher ausreichend sein, um ein Verfahren auszulösen.
Rekonstruktion des zeitlichen Ablaufs
Die verfügbaren Quellen lassen folgenden Ablauf erkennen:
- Ende November: Artemjew nimmt an Crew-Ausbildungseinheiten im SpaceX-Hauptquartier teil.
- Während des Trainings: Laut The Insider entstehen Fotos von internen technischen Bereichen.
- Kurz darauf: Artemjew wird laut einem russischen Raumfahrtkanal aus dem Training abgezogen.
- 2. Dezember: Roskosmos meldet ausschließlich eine Umbesetzung, ohne Hinweis auf den Vorfall.
- Seitdem: Keine offizielle Stellungnahme der US-Seite.
Diese Abfolge ist nicht bestätigt, zeigt aber eine zeitliche Parallelität zwischen dem mutmaßlichen Vorfall und der offiziellen Entscheidung.
Karriere und Hintergrund des Kosmonauten
Oleg Artemjew zählt zu den erfahrensten aktiven Kosmonauten des russischen Raumfahrtprogramms. Seit seinem Eintritt in das Juri-Gagarin-Kosmonautenzentrum hat er drei Langzeitmissionen zur Internationalen Raumstation absolviert – in den Jahren 2014, 2018 und 2022 – und dabei insgesamt 560 Tage im All verbracht. Zu seinen Aufgaben gehörten komplexe Arbeiten im Außenbereich der ISS, technische Instandhaltungen sowie operative Einsätze an verschiedenen Modulen der Station. Parallel zu seiner Raumfahrttätigkeit ist Artemjew seit 2019 als Abgeordneter der Moskauer Stadtduma tätig und gehört damit zu den wenigen aktiven Raumfahrern, die gleichzeitig ein öffentliches politisches Mandat ausüben. Für seine Verdienste erhielt er die staatliche Auszeichnung „Held der Russischen Föderation“, eine der höchsten Ehrungen des Landes. Angesichts dieser langjährigen Erfahrung, seines politischen Hintergrunds und seiner Funktion innerhalb des Kosmonautenkorps fällt der kurzfristige Wechsel in der Crew-12-Besetzung besonders auf; eine offizielle Begründung über die formale Umbesetzung hinaus liegt bislang nicht vor.
Bleiben Sie informiert – Relevantes. Jeden Tag. Lesen Sie, worum es heute wirklich geht – in der Schweiz und der Welt: Warum Russland jetzt erstmals physisches Gold aus seinen Reserven verkauft
