Als fünf Schweizer Milliardäre Mitte Dezember 2025 im Oval Office bei US-Präsident Donald Trump Platz nahmen, wirkte die Szene auf den ersten Blick wie ein ungewöhnliches, aber harmloses Treffen zwischen Wirtschaft und Politik. Tatsächlich jedoch berührte der Auftritt – angeführt vom Hedgefonds-Gründer Alfred „Fredy“ Gantner – einen der sensibelsten Punkte der Schweizer Demokratie: die Frage, wer das Land auf internationaler Ebene vertritt. Der Besuch, bei dem eine Rolex und ein Goldbarren überreicht wurden, wurde zunächst von der Boulevardzeitung Blick publik gemacht und später von mehreren Medien bestätigt; NUME berichtet darüber unter Berufung auf diese Recherchen.
Ein Treffen, das mehr bedeutete als Symbolik
Nach übereinstimmenden Medienangaben gehörten zur Delegation Unternehmer aus den Bereichen Finanzen, Rohstoffhandel, Schifffahrt und Luxusgüter. Auch wenn das Treffen nicht als offizieller Staatsbesuch deklariert war, befassten sich die Gespräche mit konkreten wirtschaftspolitischen Fragen – darunter mögliche US-Zölle auf Schweizer Exporte sowie der Zugang großer Schweizer Konzerne zum amerikanischen Markt.
In einer parlamentarischen Demokratie, in der Aussenpolitik formell dem Bundesrat und dem Staatssekretariat für Wirtschaft obliegt, war allein diese Konstellation bemerkenswert. Sie ließ den Eindruck entstehen, dass wirtschaftliche Eliten bereit sind, in geopolitisch relevanten Fragen direkt mit einer Weltmacht zu verhandeln – jenseits staatlicher Kanäle.
Warum dieses Muster in der Schweiz nicht neu ist
Historisch betrachtet ist das Zusammenwirken von Wirtschaft und Politik in der Schweiz tief verwurzelt. Der Eisenbahn- und Finanzpionier Alfred Escher (1819–1882) baute im 19. Jahrhundert nicht nur zentrale Infrastrukturen auf, sondern prägte zugleich die politische Ordnung des jungen Bundesstaats. Auch im 20. Jahrhundert spielten Industrielle wie Hans Sulzer als inoffizielle oder offizielle Gesandte eine zentrale Rolle in der Aussenwirtschaftspolitik. Der Wirtschaftshistoriker Matthieu Leimgruber beschreibt dieses Modell als funktional für ein kleines, exportabhängiges Land:
„Die Schweiz verfügte lange über ein schwaches diplomatisches Netz. Unternehmer füllten diese Lücke – nicht aus Machtstreben, sondern aus ökonomischer Notwendigkeit.“
Was sich jedoch verändert hat, ist der Massstab: Die heutigen Vermögen sind globalisiert, vielfach größer und weniger an nationale Loyalitäten gebunden.
Von formeller Macht zu informeller Kontrolle
Der Soziologe Ueli Mäder sieht darin eine strukturelle Verschiebung. Zwar säßen heute weniger Unternehmer direkt in Parlamenten oder Regierungen, doch ihr Einfluss sei nicht geringer geworden:
„Er ist in professionelle Lobbystrukturen, Netzwerke und Kapitalmärkte ausgelagert worden.“
Das bedeutet: Die demokratischen Institutionen bestehen fort, doch der wirtschaftliche Handlungsspielraum, in dem sie Entscheidungen treffen, wird zunehmend von privaten Akteuren definiert.

Eine Wirtschaftselite mit historischen Wurzeln
Die Bilanz-Reichenliste 2025 verdeutlicht, wie stark wirtschaftliche Macht in der Schweiz weiterhin in wenigen Familien konzentriert ist. An der Spitze stehen nicht neu entstandene Tech-Milliardäre, sondern vor allem dynastische Vermögen, insbesondere die Roche-Erben Hoffmann, Oeri und Duschmalé, deren Reichtum auf die Basler Chemie- und Pharmaindustrie des späten 19. Jahrhunderts zurückgeht. Ihre heutigen Vermögen sind das Ergebnis von mehr als hundert Jahren Kapitalakkumulation, Dividendenerträgen und kontrollierter Eigentümerstrukturen – nicht kurzfristiger unternehmerischer Erfolge.
Nach Berechnungen des Wirtschaftshistorikers Matthieu Leimgruber sind rund 70 Prozent der auf der Bilanz-Liste geführten Milliardenvermögen zumindest teilweise ererbt. Viele dieser Vermögen entstanden in der Phase zwischen 1850 und 1930, als die Schweiz sich zu einem der wichtigsten europäischen Standorte für Maschinenbau, Chemie, Banken und Versicherungen entwickelte. Die Nachkommen dieser Industriepioniere verfügen bis heute über entscheidende Aktienpakete, Stiftungen und Holdingstrukturen, die ihnen nicht nur Reichtum, sondern auch strukturelle Kontrolle über zentrale Unternehmen sichern.
Diese Realität stellt den verbreiteten Mythos einer strikt meritokratischen Wirtschaftsordnung infrage. Leimgruber formuliert es nüchtern:
„Die Figur des Selfmade-Milliardärs ist politisch attraktiv, weil sie Leistung legitimiert – historisch ist sie jedoch die Ausnahme, nicht die Regel.“
In der Schweiz bedeutet das: Ein erheblicher Teil der ökonomischen Macht basiert weniger auf individueller Innovation als auf vererbten Startvorteilen, familiären Netzwerken und langfristiger Kapitalmacht, die sich über Generationen hinweg selbst reproduziert.
Warum die Gesellschaft lange mitspielte
Trotzdem war die Akzeptanz hoher Vermögen in der Schweiz über Jahrzehnte stabil. Ein Grund ist pragmatisch: Die reichsten Steuerzahler tragen einen erheblichen Teil der öffentlichen Finanzierung. Diese fiskalische Abhängigkeit hat ein stilles Bündnis zwischen Staat und Vermögenseliten geschaffen.
Doch dieses Gleichgewicht beginnt zu wanken. Eine im Dezember 2025 veröffentlichte Sotomo-Umfrage zeigte, dass eine Mehrheit der Bevölkerung den wachsenden politischen Einfluss von Milliardären skeptisch sieht – und den Auftritt des „Team Switzerland“ als problematisch bewertet. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass Alfred Gantner inzwischen öffentlich höhere Vermögenssteuern für Superreiche ins Spiel gebracht hat. Es wirkt wie ein Signal, dass selbst innerhalb der Elite das Bewusstsein wächst, dass ökonomische Macht ohne gesellschaftliche Legitimität politisch gefährlich werden kann.
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