Warren Buffett, der wohl berühmteste Investor der Welt, zieht sich nach mehr als 60 Jahren als CEO von Berkshire Hathaway zurück und übergibt die operative Führung an Greg Abel. Der 94-Jährige bleibt dem Konzern als Chairmanerhalten und will weiterhin täglich ins Büro kommen, um bei Investitionen beratend zur Seite zu stehen. Die Übergabe markiert einen historischen Moment für den über eine Billion US-Dollar schweren Mischkonzern, der vom ehemaligen Textilhersteller zum globalen Imperium aus Versicherungen, Industrie, Energie und Konsumgütern wurde. Das berichtet die Redaktion Nume.ch unter Berufung auf internationale Wirtschaftsmedien.
Buffett hatte Berkshire seit den frühen 1960er-Jahren aufgebaut, als er die ersten Aktien für 7,60 Dollar kaufte. Heute notiert eine einzelne Aktie bei über 750.000 Dollar, und Buffetts persönliches Vermögen aus Berkshire-Anteilen liegt – trotz Spenden von mehr als 60 Milliarden Dollar in den vergangenen 20 Jahren – bei rund 150 Milliarden Dollar. Unter seiner Führung übertraf Berkshire jahrzehntelang den S&P 500, gestützt auf Beteiligungen an American Express, Coca-Cola, Apple sowie auf den Zukauf ganzer Unternehmen wie Geico, BNSF Railway, Dairy Queen oder Iscar Metalworking.
Warum der Wechsel gerade jetzt kommt
In den vergangenen Jahren fiel es Berkshire zunehmend schwer, sein historisches Wachstumstempo zu halten. Der Konzern ist schlicht zu groß geworden, um mit neuen Übernahmen noch spürbare Sprünge im Gewinn zu erzielen. Selbst der jüngste Deal – die 9,7-Milliarden-Dollar-Übernahme von OxyChem – gilt als zu klein, um die Ertragslage grundlegend zu verändern. Gleichzeitig sitzt Berkshire auf einem Cash-Polster von 382 Milliarden Dollar, das dringend produktiv eingesetzt werden müsste.
Hier beginnt die eigentliche Bewährungsprobe für Greg Abel. Der 62-jährige Kanadier leitet seit 2018 bereits alle Nicht-Versicherungsgeschäfte des Konzerns und kennt die dezentralen Strukturen, auf denen Berkshire aufgebaut ist. Beobachter erwarten daher keinen radikalen Kurswechsel, sondern eher eine graduelle, professionellere Steuerung eines Konglomerats mit fast 400.000 Mitarbeitern.

Ein Konzern ohne Zentrale – und doch mit klarer Kultur
Berkshire Hathaway gilt als eines der dezentralsten Unternehmen der Welt. Tochtergesellschaften werden weitgehend autonom geführt, solange sie ihre Ziele erreichen. Genau dieses Versprechen war für viele Gründer ein Grund, ihre Firmen an Buffett zu verkaufen. Bereits 2021 bestätigte der inzwischen verstorbene Charlie Munger, dass Abel diese Kultur bewahren werde.
Gleichzeitig zeigt Abel, dass er operativ näher dran ist als Buffett. Er stellt härtere Fragen, überprüft Kennzahlen und greift ein, wenn Ergebnisse nicht stimmen. Im Dezember kündigte er mehrere Führungswechsel an: Nach dem Weggang von Geico-Chef Todd Combs und dem Ruhestand von CFO Marc Hamburg übernahm NetJets-CEO Adam Johnsondie Leitung aller Konsum-, Service- und Handelsgeschäfte – eine neue dritte Sparte neben Industrie/Energie und Versicherungen.
Dividenden oder weiter reinvestieren
Ein zentrales Thema der kommenden Jahre wird der Umgang mit dem riesigen Cash-Berg sein. Buffett setzte stets auf Reinvestitionen statt Dividenden. Doch wenn Abel keine ausreichend großen und rentablen Deals findet, dürfte der Druck der Investoren steigen, Ausschüttungen oder ein systematisches Aktienrückkaufprogramm einzuführen. Bisher kaufte Berkshire nur dann eigene Aktien zurück, wenn Buffett sie für klar unterbewertet hielt – zuletzt Anfang 2024.
Kurzfristig ist Abel jedoch geschützt: Buffett kontrolliert fast 30 Prozent der Stimmrechte. Erst nach dessen Tod werden die Anteile schrittweise an Stiftungen übertragen, was den Einfluss verringert.
Fundament bleibt stark
Trotz aller Fragen gilt Berkshire als außergewöhnlich solide. Die Versicherer des Konzerns verwalten Prämien von über 175 Milliarden Dollar, die bis zur Auszahlung investiert werden können. Die Versorger liefern stabile Erträge, und viele Industrie- und Konsumunternehmen „laufen fast von selbst“, wie Investor Chris Ballard von Check Capital sagt.

Offen bleibt, wie stark sich die Führungsriege in den nächsten Jahren noch verändert. Ajit Jain, Chef der Versicherungssparte, ist bereits 74, viele Tochter-CEOs arbeiten deutlich über das Rentenalter hinaus – oft aus Loyalität zu Buffett. Doch die Richtung ist klar: Berkshire tritt in eine neue Phase ein.
Für Anleger beginnt damit eine neue Ära. Nicht mehr die Legende Warren Buffett, sondern Greg Abel wird entscheiden, wie der vielleicht wichtigste Investmentkonzern der Welt sein Kapital einsetzt – und ob er den Spagat zwischen Tradition und notwendiger Erneuerung meistert.
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