El Fasher, Nordwest-Sudan, 1. Juli 2026. Amnesty International wirft der paramilitärischen Miliz Rapid Support Forces schwere Verbrechen in und um El Fasher vor: Tötungen, Folter, Geiselnahmen, sexualisierte Gewalt, Zwangsvertreibung und ethnisch motivierte Verfolgung zwischen Anfang 2024 und Oktober 2025. Der neue Bericht stützt sich auf 247 Interviews, darunter Aussagen von 208 Überlebenden und Zeuginnen oder Zeugen, sowie auf Video- und Satellitenmaterial; Amnesty fordert einen landesweiten Waffenstillstand, eine internationale Schutztruppe und ein ausgeweitetes Waffenembargo, meldet die Redaktion von NUME.
Der Bericht trägt den Titel City Under Siege, Children Under Fire: Rapid Support Forces’ Crimes Against Humanity in North Darfur. Auf rund 200 Seiten beschreibt Amnesty die Belagerung und Einnahme der Hauptstadt von Nord-Darfur als Kampagne gegen Zivilpersonen. Im Zentrum stehen nicht nur einzelne Massaker, sondern ein Muster: Angriffe auf Dörfer, Lager und Spitäler, die Blockade von Nahrung und Hilfsgütern, Gewalt an Fliehenden und die gezielte Erniedrigung nicht-arabischer Gemeinschaften.
Was Amnesty der RSF in El Fasher vorwirft
Der Amnesty-Bericht zu El Fasher dokumentiert mutmassliche Verbrechen gegen Zivilpersonen in einer Stadt, die bis Oktober 2025 als letzte grössere Darfur-Hauptstadt nicht unter Kontrolle der RSF stand. Nach Amnesty-Angaben kontrollierte die RSF bereits im November 2023 vier von fünf Landeshauptstädten in Darfur. El Fasher blieb damit militärisch, politisch und symbolisch ein Restposten der Kontrolle durch die sudanesische Armee und verbündete Joint Forces.
Ab 2024 griffen RSF-Einheiten nach Darstellung von Amnesty systematisch Orte rund um El Fasher an. Betroffen waren Dörfer, kleinere Städte und Vertriebenenlager. Häuser wurden geplündert, zivile Infrastruktur niedergebrannt, Rückkehrmöglichkeiten zerstört. In mehreren Fällen erfolgten die Zerstörungen laut Amnesty erst, nachdem die Bevölkerung bereits geflohen war; das spricht in der Logik des Berichts für den Versuch, ganze Gebiete unbewohnbar zu machen.
El Fasher war nicht nur ein Schlachtfeld, sondern ein eingeschlossener Raum, in dem Flucht, Hunger und Gewalt ineinandergriffen.
Amnesty nennt eine lange Liste mutmasslicher Verbrechen: Mord, Zwangsvertreibung, widerrechtliche Inhaftierung, Folter, Vergewaltigung, sexuelle Sklaverei, weitere Formen sexualisierter Gewalt, Versklavung, Ausrottung und Verfolgung. Der Bericht ordnet diese Handlungen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein. In der Region Abu Zerega sieht Amnesty die Zerstörung überwiegend von Zaghawa bewohnter Dörfer zudem als konsistent mit ethnischer Säuberung.
Amnesty-Generalsekretärin Agnès Callamard sagte, Kinder seien bei dieser Gewalt nicht bloss «Kollateralschaden» gewesen, sondern häufig direkt angegriffen worden.
Die Methodik ist für die Bewertung zentral. Amnesty spricht von acht Monaten Recherche, 247 Interviews, 208 Überlebenden oder Zeuginnen und Zeugen, darunter 169 Erwachsene und 39 Kinder. Hinzu kamen Open-Source-Analysen, 89 Videos und umfangreiche Satellitenbildauswertungen aus Nord-Darfur. Die Organisation teilte die Ergebnisse am 10. Juni 2026 RSF-Anführer Mohamed Hamdan Dagalo mit; bis zur Publikation lag laut Amnesty keine Antwort vor.
Die Belagerung machte Hunger zur Waffe
Die Belagerung von El Fasher dauerte nach Amnesty-Angaben von Mai 2024 bis Oktober 2025. In dieser Phase beschränkte die RSF den Zugang zu Nahrung und humanitären Lieferungen. Die Stadt wurde fast täglich beschossen. Krankheiten und Mangelernährung trafen Kinder, ältere Menschen, Schwangere und Menschen mit Behinderungen besonders hart.
Amnesty beschreibt, dass Menschen in der Stadt teilweise ambaz assen, ein Nebenprodukt der Erdnussölproduktion, das üblicherweise als Tierfutter dient. Frauen berichteten von Geburten in unterirdischen Schutzräumen, in beschossenen Spitälern oder während der Flucht. Manche Mütter konnten ihre Neugeborenen wegen eigener Mangelernährung nicht ausreichend stillen.
Die Belagerung war deshalb nicht nur eine militärische Einschliessung. Sie traf die Grundlagen des Überlebens:
- Nahrung und Hilfsgüter gelangten nur eingeschränkt in die Stadt.
- Medizinische Einrichtungen wurden beschädigt oder direkt angegriffen.
- Fluchtwege wurden durch Gewalt, Kontrollpunkte und später durch den Erdwall blockiert.
- Familien mussten Kinder, ältere Angehörige und Kranke unter Beschuss versorgen.
- Vertriebenenlager rund um El Fasher wurden selbst zu Angriffszielen.
Der Begriff Nord-Darfur steht in diesem Bericht nicht für eine abstrakte Provinzkarte, sondern für ein Netzwerk aus zerstörten Dörfern, überfüllten Lagern, abgeschnittenen Strassen und improvisierten Schutzorten. Tawila wurde dabei zu einem der wichtigsten Zufluchtsorte. Amnesty verweist auf Berichte, wonach dort rund 800'000 Vertriebene lebten, mehrheitlich Menschen aus El Fasher.
Die Zahl 800'000 beschreibt keine geordnete Evakuierung, sondern eine Verschiebung des Überlebenskampfes von der belagerten Stadt in überlastete Lager.
Der Bericht passt zu früheren Befunden der UNO. Das UN-Menschenrechtsbüro veröffentlichte im Februar 2026 einen Bericht zur finalen RSF-Offensive auf das belagerte El Fasher vom 24. bis 30. Oktober 2025. Darin wurden mutmassliche Kriegsverbrechen beschrieben, darunter schwere Gewalt gegen Zivilpersonen während der Einnahme der Stadt.

Der 57 Kilometer lange Erdwall wurde zur Todeszone
Ein besonders schwerer Teil des Amnesty-Berichts betrifft den Erdwall um El Fasher. Nach der finalen Offensive vom 26. Oktober 2025 stiessen fliehende Zivilpersonen auf ein rund 57 Kilometer langes System aus Wällen. RSF-Kämpfer patrouillierten nach Amnesty-Angaben auf den Kuppen und fingen Menschen ab, die aus der Stadt zu entkommen versuchten.
Amnesty interviewte 70 Überlebende der Einnahme. Fast alle berichteten laut Organisation von Hinrichtungen, Vergewaltigungen, Folter oder Geiselnahmen. Eine 58-jährige Frau gab an, sie habe mehr als 1000 Leichen gesehen; Getötete seien in den Wall geworfen worden. Amnesty dokumentierte auch Aussagen, wonach Kinder am Wall erschossen wurden.
| Bereich | Vor der finalen Offensive | Während und nach der Einnahme |
|---|---|---|
| Kontrolle | El Fasher blieb letzte grössere Darfur-Hauptstadt ausserhalb der RSF-Kontrolle | RSF nahm die Stadt Ende Oktober 2025 ein |
| Bewegung | Flucht war schwierig, aber teilweise möglich | Der Erdwall und RSF-Patrouillen blockierten Fluchtwege |
| Versorgung | Nahrung und Hilfsgüter stark eingeschränkt | Überlebende flohen in Richtung Tawila und andere Orte |
| Gewaltmuster | Beschuss, Hunger, Angriffe auf Lager und Dörfer | Hinrichtungen, Geiselnahmen, sexualisierte Gewalt, Massenflucht |
Die Einnahme der Stadt markierte damit nicht das Ende der Gefahr. Für viele Menschen begann sie erst auf der Flucht. Wer den Wall erreichte, war oft erschöpft, ausgehungert und ohne Schutz. Genau dort verdichteten sich laut Amnesty die schwersten Berichte: Erschiessungen, Trennung von Familien, Raub, Vergewaltigungen, Verschleppungen und willkürliche Inhaftierungen.
Der Angriff auf das Saudi Maternity Hospital
Amnesty interviewte 18 Personen, die im Saudi Maternity Hospital anwesend waren, darunter Mitarbeitende, Patientinnen und Angehörige von Patientinnen. Sie berichteten, RSF-Kämpfer hätten dort zahlreiche Menschen getötet. Amnesty bewertet den Angriff auf das Spital als Kriegsverbrechen, da medizinische Einrichtungen im humanitären Völkerrecht besonderen Schutz geniessen.
Der Fall ist deshalb bedeutsam, weil er die Trennlinie zwischen Kampfhandlungen und Angriffen auf geschützte zivile Orte berührt. Ein Geburtsspital ist kein militärischer Randfall. Es ist ein Ort, an dem sich Schwangere, Neugeborene, Verletzte und medizinisches Personal befinden. Wird ein solcher Ort angegriffen, zeigt sich die Logik des Terrors gegen die Zivilbevölkerung besonders scharf.
Das UN-Menschenrechtsbüro sprach im Februar 2026 von einer Gewaltwelle bei der Einnahme El Fashers, die in Ausmass und Brutalität schockierend gewesen sei.
Die Rapid Support Forces stehen damit nicht nur wegen der Einnahme einer Stadt unter Druck, sondern wegen der Art und Weise, wie diese Einnahme laut Amnesty und UNO-Berichten erfolgte. Entscheidend ist die Kombination aus Belagerung, Hunger, ethnischer Sprache, Gewalt gegen Kinder, Angriffen auf Spitäler und dokumentierten Hinrichtungen.
Geiselnahmen, Lösegeld und Haft in Containern
Ein zweiter Schwerpunkt des Berichts betrifft widerrechtliche Inhaftierung und Geiselnahmen. Amnesty befragte 45 Personen, die zwischen Juli 2024 und Januar 2026 von der RSF festgehalten worden seien, darunter acht Kinder. Einige waren erst 13 Jahre alt. Sie berichteten von Schlägen, ethnischen Beschimpfungen, Nahrungs- und Wasserentzug sowie von Haft in stickigen, überfüllten Räumen. Besonders schwer wiegen die Aussagen zu Mina al-Bari am östlichen Stadtrand von El Fasher. Neun Männer gaben an, dort bis zu fünf Monate lang in geschlossenen Schiffscontainern festgehalten worden zu sein. Die Hitze und die schlechte Luft machten das Atmen schwierig. Mehrere Gefangene beschrieben, dass Mitgefangene an Dehydrierung oder Krankheiten starben.
Gefangenschaft bedeutete in diesen Aussagen nicht nur Freiheitsentzug, sondern eine kalkulierte Zerstörung von Körper, Würde und sozialer Bindung.
Die Berichte folgen einem wiederkehrenden Muster:
- Menschen wurden an Kontrollpunkten, auf der Flucht oder nach Angriffen festgesetzt.
- RSF-Kämpfer warfen Männern und älteren Jungen häufig vor, zur sudanesischen Armee zu gehören.
- Angehörige wurden kontaktiert oder indirekt zur Zahlung von Lösegeld gedrängt.
- Gefangene wurden misshandelt, beschimpft und unter lebensgefährlichen Bedingungen festgehalten.
- In mehreren Fällen kam es laut Aussagen zu Hinrichtungen oder zum Tod durch Durst, Krankheit und Vernachlässigung.
Amnesty beschreibt auch den Fall der 19-jährigen Ehsaan, die nach der Einnahme El Fashers als Geisel genommen worden sei. Sie habe die Hinrichtung ihrer beiden jüngeren Brüder mitansehen müssen, nachdem RSF-Kämpfer ihnen unterstellt hätten, Soldaten der sudanesischen Armee zu sein. Solche Einzelfälle sind im Bericht nicht als isolierte Tragödien angelegt, sondern als Bausteine eines grösseren Gewaltmusters.
Die Haftberichte sind juristisch relevant, weil sie verschiedene Tatbestände berühren: widerrechtliche Freiheitsberaubung, Folter, unmenschliche Behandlung, Geiselnahme und unter Umständen Mord. Werden diese Handlungen systematisch oder in grossem Umfang gegen eine Zivilbevölkerung begangen, können sie als Verbrechen gegen die Menschlichkeit verfolgt werden.
Kinder standen im Zentrum der Gewalt
Amnesty betont die Lage von Kindern ungewöhnlich stark. Der Berichtstitel «City Under Siege, Children Under Fire» legt den Fokus bereits offen. Kinder wurden getötet, verletzt, vergewaltigt, entführt, zwangsrekrutiert, von Familien getrennt und mehrfach vertrieben. Viele verloren Eltern oder Geschwister. Die Organisation dokumentiert, dass die RSF Jungen rekrutiert und eingesetzt haben soll. Einige stammten aus verbündeten arabischen Gruppen, andere wurden bei Angriffen auf nicht-arabische Dörfer und Vertriebenenlager entführt. Laut Amnesty mussten Kinder kämpfen, Informationen sammeln oder Vieh hüten.
Für Minderjährige hatte die Belagerung mehrere Ebenen der Gefährdung:
- direkte Gewalt durch Schüsse, Beschuss, Schläge und sexualisierte Übergriffe;
- Mangelernährung und Krankheiten während der Blockade;
- psychische Traumatisierung durch Hinrichtungen und Verlust von Angehörigen;
- Zwangsrekrutierung oder erzwungene Arbeit;
- fehlender Zugang zu Schule, medizinischer Versorgung und Schutzräumen.
Ein 17-jähriger Zaghawa-Junge aus der Nähe von Abu Zerega berichtete Amnesty, er sei gefesselt und geschlagen worden; später sei ihm ins Bein geschossen worden. Acht seiner Cousins seien beim gleichen Angriff getötet worden, darunter vier Jungen im Alter zwischen 11 und 17 Jahren.
Callamard forderte eine unabhängige und ausreichend ausgestattete internationale Schutztruppe für Sudan, um Zivilpersonen vor Verbrechen aller Konfliktparteien zu schützen.
Für ein Schweizer Publikum ist die Präzision der Begriffe wichtig. «Kinder unter Beschuss» meint hier nicht nur, dass Kinder in einem Kriegsgebiet lebten. Amnesty beschreibt Angriffe, bei denen Minderjährige direkt getroffen, gezielt eingeschüchtert oder als Teil einer ethnisch markierten Gemeinschaft verfolgt worden seien. Das verschiebt die Bewertung von tragischer Kriegsfolge zu mutmasslicher internationaler Strafbarkeit.
Ethnische Verfolgung und die Frage des Genozids
Amnesty kommt zum Schluss, dass die im Bericht gesammelten Beweise eine Verfolgung aufgrund ethnischer Identität stützen. Die Organisation spricht von ethnischer Säuberung im Zusammenhang mit der Zerstörung überwiegend von Zaghawa bewohnter Dörfer im Raum Abu Zerega. Zugleich hält Amnesty fest, dass dokumentierte Handlungen und weitere untersuchte mutmassliche Verbrechen für den Tatbestand des Völkermords relevant sein könnten; die Ermittlungen dazu dauerten bei Veröffentlichung an.
Die sprachliche Dimension spielt im Bericht eine auffällige Rolle. Amnesty schreibt, RSF-Kämpfer hätten bei Angriffen auf nicht-arabische Zivilpersonen wiederholt Begriffe verwendet, die Sklaverei oder Leibeigenschaft implizierten. Solche Aussagen sind nicht nur beleidigende Begleitgeräusche. In Ermittlungen zu Massenverbrechen können sie Hinweise auf Entmenschlichung, Gruppenbezug und mögliche Absicht liefern. Die unabhängige internationale UN-Fact-Finding Mission für Sudan ging in einem Bericht von März 2026 noch weiter. Sie bewertete die Massentötungen und verwandten Gräueltaten in und um El Fasher während der Einnahme der Stadt als Hinweise auf einen «genocidal path» und sprach von einem Muster, das auf die Zerstörung insbesondere von Zaghawa- und Fur-Gemeinschaften abgezielt habe.
Das heisst nicht automatisch, dass ein Gericht bereits Völkermord festgestellt hat. Der juristische Schwellenwert ist hoch. Für Genozid braucht es neben den Tathandlungen auch die spezifische Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören. Amnesty formuliert vorsichtiger als die UN-Fact-Finding Mission und verweist auf laufende Ermittlungen. Genau diese Differenz ist wichtig, weil sie zwischen politischer Diagnose, menschenrechtlicher Dokumentation und gerichtsfester Anklage unterscheidet.
Warum die Zaghawa und Fur im Bericht so häufig vorkommen
Viele betroffene Gemeinschaften rund um El Fasher waren mehrheitlich Zaghawa. In Vertriebenenlagern lebten zudem viele Fur sowie Menschen aus Berti-, Masalit- und Tama-Gemeinschaften. Die ethnische Zusammensetzung der Stadt und ihres Umlands erklärt, weshalb Angriffe auf bestimmte Dörfer, Lager und Fluchtrouten nicht neutral erscheinen.
Die Berichte beschreiben keine zufällige Gleichverteilung der Gewalt. Sie zeigen eine Häufung gegen nicht-arabische Gruppen, verbunden mit Vertreibung, Zerstörung von Wohnraum, Verhinderung von Rückkehr und entwürdigender Sprache. Aus Sicht von Amnesty reicht dieses Material für die Schlussfolgerung ethnisch motivierter Verfolgung. Für Strafverfahren wären zusätzlich Befehlsketten, Absichtsnachweise, digitale Beweise, Zeugenschutz und gesicherte Tatortdokumentation entscheidend.
Identifizierte Kommandeure und mögliche Strafverfolgung
Amnesty benennt mehrere RSF-Kommandeure, die für schwere Verstösse gegen internationales Recht verantwortlich sein sollen. In der Mitteilung werden unter anderem Al-Fateh Abdullah Idris, bekannt als «Abu Lulu», Major General Gedo Hamdan Ahmed Mohamed, bekannt als «Abu Shouk», und Lieutenant Colonel Abbas Khater Bakhit genannt. Amnesty schreibt, RSF-Mitglieder hätten Videos von Massenhinrichtungen gefilmt und verbreitet; 19 Videos zu einem Massaker nahe des Walls seien gesammelt und verifiziert worden.
Die Nennung von Namen verändert die Dimension des Berichts. Sie verschiebt den Fokus von anonymer Milizgewalt zu möglicher individueller Verantwortung. Im internationalen Strafrecht sind Kommandeure nicht nur dann relevant, wenn sie selbst töten. Sie können auch verantwortlich sein, wenn sie Verbrechen anordnen, ermöglichen, nicht verhindern oder nicht bestrafen, obwohl sie davon wussten oder hätten wissen müssen.
Der Internationale Strafgerichtshof führt seit Jahren Untersuchungen zur Lage in Darfur. Die offizielle ICC-Seite zu Darfur beschreibt den Untersuchungsrahmen für mutmasslichen Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Darfur seit dem 1. Juli 2002.
Für El Fasher könnten mehrere Beweisarten zentral werden:
- Zeugenaussagen von Überlebenden, medizinischem Personal und Angehörigen;
- verifizierte Videos, insbesondere von Hinrichtungen und Haftorten;
- Satellitenbilder zu zerstörten Dörfern, Brandspuren und Erdwallstrukturen;
- Kommunikationsdaten, Befehlswege und öffentliche Aussagen von Kommandeuren;
- Dokumentation von Lösegeldforderungen, Haftorten und Todesfällen in Gefangenschaft.
Die strafrechtliche Aufarbeitung hängt aber nicht nur von Beweisen ab. Sie braucht Zugriff auf Verdächtige, Schutz für Zeuginnen und Zeugen, politische Unterstützung für Ermittlungsmechanismen und eine Unterbrechung der laufenden Gewalt. Genau deshalb fordert Amnesty neben humanitärem Schutz auch die Stärkung des Internationalen Strafgerichtshofs, der UN-Mechanismen und afrikanischer Untersuchungsstrukturen.
Waffenembargo und internationale Verantwortung
Amnesty fordert, dass alle Staaten Waffen- und Munitionslieferungen an sämtliche Konfliktparteien im Sudan stoppen. Ausserdem soll das bestehende Waffenembargo, das sich auf Darfur beschränkt, auf das ganze Land ausgeweitet werden. Die Organisation nennt die Vereinigten Arabischen Emirate als wichtigsten Unterstützer der RSF und fordert, Waffenlieferungen an die VAE zu stoppen, bis die Einhaltung des UN-Embargos sichergestellt sei.
Das Thema Waffenembargo Sudan ist politisch heikel, weil es über Sudan hinausreicht. Amnesty kritisiert nicht nur die Konfliktparteien, sondern auch Drittstaaten, die Waffen, Munition, Logistik oder politische Rückendeckung liefern könnten. Nach den Regeln des humanitären Völkerrechts dürfen Staaten keine Unterstützung leisten, die schwere Verstösse erleichtert oder fortsetzt. Die UN-Fact-Finding Mission erinnerte ebenfalls daran, dass Verpflichtungen nicht nur die Konfliktparteien treffen, sondern auch Drittstaaten und Akteure, die Beihilfe zu Verstössen leisten könnten.
Amnesty verweist in der Mitteilung auch auf humanitäre Finanzierung. Sudan sei durch Kürzungen bei humanitären Mitteln zusätzlich belastet. Für Vertriebene brauche es ausreichende Hilfe, darunter Schutz- und Unterstützungsangebote für Kinder.
Die internationale Verantwortung hat damit drei Ebenen:
- Schutz der Zivilbevölkerung durch Waffenruhe, Zugang für Hilfe und eine Schutzmission.
- Unterbrechung der militärischen Versorgung aller Konfliktparteien.
- Strafverfolgung und Beweissicherung für Verbrechen in El Fasher und anderen Teilen Sudans.
Für die Schweiz und Europa ist besonders der zweite Punkt relevant. Exportkontrollen, Re-Export-Regeln, Finanzströme, Dual-Use-Güter und private Sicherheitsnetzwerke können in solchen Konflikten eine Rolle spielen. Die politische Formel «keine Waffen in Kriegsgebiete» reicht nicht aus, wenn Lieferketten über Drittstaaten laufen und Endverbleibserklärungen faktisch nicht kontrolliert werden.
Zentrale Zahlen auf einen Blick
Die Zahlen im Bericht sind mehr als Übersichtswerte. Sie zeigen, wie breit Amnesty die Aussagen abgesichert hat und welche Grössenordnung die dokumentierte Gewalt erreicht. Gleichzeitig bleiben sie Ausschnitte: Viele Tote, Vermisste, Vergewaltigungen und Haftfälle dürften in einem aktiven Konfliktgebiet gar nicht vollständig erfasst sein.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Feldinterviews insgesamt | 247 |
| Überlebende und Zeuginnen oder Zeugen | 208 |
| Erwachsene unter den Befragten | 169 |
| Kinder unter den Befragten | 39 |
| Dokumentierte widerrechtlich Inhaftierte | 45 |
| Kinder unter den Inhaftierten | 8 |
| Länge des Erdwalls um El Fasher | rund 57 km |
| Vertriebene in Tawila laut Berichten | rund 800'000 |
| Untersuchungszeitraum | Anfang 2024 bis Oktober 2025 |
| Datum der Veröffentlichung | 1. Juli 2026 |
| Brief an RSF-Anführer Mohamed Hamdan Dagalo | 10. Juni 2026 |
Die Zahlen erklären auch, weshalb El Fasher international wieder stärker in den Fokus rückt. Der Fall verbindet mehrere Konfliktlinien des Sudan-Kriegs: Machtkampf zwischen Armee und RSF, Darfur-Geschichte, ethnische Gewalt, Hungerblockade, sexualisierte Gewalt, Kinderschutz und internationale Waffenströme.
FAQ zu El Fasher, RSF und dem Amnesty-Bericht
Was ist die RSF?
Die Rapid Support Forces sind eine paramilitärische Gruppierung im Sudan. Sie kämpft seit April 2023 gegen die Sudanesischen Streitkräfte und kontrollierte nach Amnesty-Angaben seit November 2023 vier der fünf Landeshauptstädte Darfurs; El Fasher blieb bis Oktober 2025 die wichtigste Ausnahme.
Wann wurde El Fasher eingenommen?
Die finale Offensive begann am 26. Oktober 2025. Amnesty beschreibt, dass die RSF El Fasher nach langer Belagerung einnahm und fliehende Zivilpersonen am 57 Kilometer langen Wall massiver Gewalt ausgesetzt waren.
Was wirft Amnesty der RSF konkret vor?
Amnesty wirft der RSF Mord, Zwangsvertreibung, widerrechtliche Inhaftierung, Folter, Vergewaltigung, sexuelle Sklaverei, weitere sexualisierte Gewalt, Versklavung, Ausrottung und ethnisch motivierte Verfolgung vor. Die Organisation stuft diese Handlungen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein.
Warum spielt ethnische Zugehörigkeit eine so grosse Rolle?
Viele angegriffene Gemeinschaften rund um El Fasher waren überwiegend Zaghawa oder gehörten anderen nicht-arabischen Gruppen an. Amnesty dokumentiert ethnisch abwertende Sprache, Zerstörung von Dörfern, Vertreibung und die Verhinderung von Rückkehr. Die Organisation sieht darin Verfolgung aufgrund ethnischer Identität und prüft Genozid-Relevanz.
Was fordert Amnesty International?
Amnesty fordert einen sofortigen landesweiten Waffenstillstand, eine internationale Schutztruppe für Zivilpersonen, mehr humanitäre Hilfe, Unterstützung für Ermittlungsmechanismen und ein auf ganz Sudan ausgeweitetes Waffenembargo. Die Staaten sollen Waffen- und Munitionslieferungen an alle Konfliktparteien stoppen.
Hat die RSF auf den Bericht reagiert?
Amnesty sandte am 10. Juni 2026 einen Brief mit den Berichtsergebnissen an RSF-Anführer Mohamed Hamdan Dagalo. Nach Angaben der Organisation lag bis zur Veröffentlichung am 1. Juli 2026 keine Antwort vor.
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