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Écône VS. – Trotz einer eindringlichen Warnung von Papst Leo XIV. hat die traditionalistische Piusbruderschaft (SSPX) am Mittwochmorgen im Walliser Dorf Écône bei Sion vier Priester aus der Schweiz, den USA und Frankreich zu Bischöfen geweiht. Mindestens 15'000 Gläubige aus aller Welt verfolgten die Zeremonie unter grauem Alpenhimmel – eine offene Machtprobe mit dem Vatikan, der die Weihe als «schismatischen Akt» verurteilt hatte. Es ist die erste unerlaubte Bischofsweihe der Bruderschaft seit 1988, und sie könnte die tiefste Spaltung der katholischen Kirche seit Jahrzehnten besiegeln, berichtet die Redaktion von NUME.

Was ist am Mittwoch in Écône geschehen

Das kleine Walliser Dorf Écône, seit über fünf Jahrzehnten das geistige Zentrum der Priesterbruderschaft St. Pius X., verwandelte sich am Mittwoch in eine Pilgerstätte. Bereits in den frühen Morgenstunden strömten Gläubige aus Dutzenden Ländern in die Gemeinde unweit von Sion. Hunderte Priester in liturgischen Gewändern zogen in einer feierlichen Prozession durch das Dorf – mit Kerzen, Kreuzen und Weihrauch – bis zu einer Wiese, auf der ein riesiges Festzelt errichtet worden war.

Dort spielte sich eine Szene ab, wie sie die katholische Welt seit 38 Jahren nicht mehr gesehen hat: Die vier Weihekandidaten warfen sich vor dem Altar nieder, die Gesichter in rote Samtkissen gebettet, während feierliche Orgelmusik erklang. Die Weihegelübde wurden – selbstverständlich, möchte man bei dieser Gemeinschaft sagen – ausschliesslich auf Latein abgelegt.

Geweiht wurden vier Priester aus drei Ländern:

NameHerkunft
Pascal SchreiberSchweiz
Michael GoldadeUSA
Michel Poinsinet de SivryFrankreich
Marc HanappierFrankreich

Unter den anwesenden Würdenträgern befand sich auch der spanischstämmige Alt-Bischof Alfonso de Galarreta – einer jener Männer, die 1988 selbst ohne päpstliche Erlaubnis geweiht und daraufhin exkommuniziert worden waren. Die Symbolik hätte kaum deutlicher ausfallen können: Écône schliesst den Kreis zur grössten Kirchenkrise des 20. Jahrhunderts.

Wie hat Papst Leo XIV. auf die Weihe reagiert

Papst Leo XIV., der erst seit vergleichsweise kurzer Zeit im Amt ist, hatte noch Anfang dieser Woche einen dramatischen Appell an die Führung der Piusbruderschaft gerichtet. Er forderte die Verantwortlichen auf, die Weihe abzusagen, und bezeichnete das Vorhaben als «schismatischen Akt», der «das nahtlose Gewand Christi zerreissen» könnte – eine Anspielung auf das ungeteilte Gewand Jesu, das in der kirchlichen Tradition als Sinnbild für die Einheit der Kirche gilt.

Die Bruderschaft liess den Appell des Kirchenoberhaupts – das von über 1,4 Milliarden Katholikinnen und Katholiken weltweit als Stellvertreter Gottes auf Erden verehrt wird – unbeantwortet verhallen und zog die Zeremonie am Mittwochmorgen durch.

Damit steht der Vatikan vor einer heiklen Entscheidung. Nach geltendem Kirchenrecht zieht eine Bischofsweihe ohne päpstliches Mandat die automatische Exkommunikation nach sich – so geschah es bereits 1988. Beobachter in Rom erwarten, dass Leo XIV. die vier neuen Bischöfe aus der katholischen Kirche ausschliessen wird. Zugleich dürfte der Papst bemüht sein, die Spaltung nicht weiter zu vertiefen: Ein offener, endgültiger Bruch mit den weltweit rund 600'000 Anhängern der Bruderschaft wäre für sein noch junges Pontifikat eine schwere Hypothek.

Wer ist die Piusbruderschaft – und warum lehnt sie die Reformen Roms ab

Die Priesterbruderschaft St. Pius X. wurde 1970 vom französischen Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet – nach ihm werden ihre Anhänger bis heute auch «Lefebvristen» genannt. Die Gemeinschaft versteht sich als Hüterin der vorkonziliaren Tradition und lehnt zentrale Modernisierungsreformen ab, die der Vatikan in den 1960er- und 1970er-Jahren im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils eingeführt hat.

Der bekannteste Streitpunkt ist die Liturgie: Die Bruderschaft verwirft die Erlaubnis, die heilige Messe in der jeweiligen Landessprache zu feiern, und hält kompromisslos an der lateinischen Messe fest. Doch der Konflikt reicht weit tiefer. Die Gemeinschaft pflegt ein Kirchenverständnis, in dem Priester, Bischöfe, Kardinäle und die Messe selbst als Gott näherstehend gelten – und damit bewusst abgehoben von den gewöhnlichen Gläubigen. Es ist eine Art mittelalterliche Mystik, die die Bruderschaft gegen alle Öffnungsbestrebungen Roms verteidigt.

Konkret widersetzte sich die SSPX über Jahrzehnte hinweg mehreren Grundentscheidungen des Vatikans:

  • Ökumene: Die Annäherung an andere Religionen und christliche Konfessionen lehnt die Bruderschaft ab.
  • Religionsfreiheit: Das vom Konzil anerkannte Recht auf freie Religionsausübung gilt ihr als Irrtum.
  • Gesellschaftliches Engagement: Die Beteiligung der Kirche an Debatten über grosse soziale und politische Fragen betrachtet sie mit Misstrauen.
  • Zelebrationsrichtung: Selbst die Entscheidung, dass Priester die Messe der Gemeinde zugewandt feiern, wies die Bruderschaft zurück – sie bevorzugt die mittelalterliche Praxis, bei der der Priester zum Altar blickt und der Gemeinde den Rücken zukehrt.

Was geschah 1988 – und warum wiederholt sich die Geschichte

Wer die Tragweite des Mittwochs verstehen will, muss ins Jahr 1988 zurückblicken. Damals weihte Gründer Marcel Lefebvre – gegen den ausdrücklichen Willen von Papst Johannes Paul II. – vier Priester zu Bischöfen, ebenfalls in Écône. Die Reaktion Roms folgte umgehend: Lefebvre und die vier Geweihten wurden exkommuniziert, der Bruch schien endgültig.

Erst 2009 versuchte Papst Benedikt XVI. eine Versöhnung und hob die Exkommunikationen auf – ein Schritt, der ihm damals heftige Kritik einbrachte und der die erhoffte Wiedereingliederung der Bruderschaft dennoch nicht brachte. Die Gespräche zwischen Rom und Écône verliefen in den Folgejahren immer wieder im Sand.

Mit der Weihe vom Mittwoch hat die Bruderschaft nun faktisch den Zustand von 1988 wiederhergestellt – nur unter einem anderen Papst und in einer Kirche, die durch innere Richtungskämpfe ohnehin unter Spannung steht.

Chronologie des Konflikts:

JahrEreignis
1970Erzbischof Marcel Lefebvre gründet die Priesterbruderschaft St. Pius X.
1988Lefebvre weiht vier Bischöfe ohne Erlaubnis Roms – Exkommunikation
2009Papst Benedikt XVI. hebt die Exkommunikationen auf
2026Erneute unerlaubte Bischofsweihe in Écône trotz Warnung von Papst Leo XIV.

Wie rechtfertigt die Bruderschaft ihren Alleingang

Der Generalobere der Bruderschaft, Davide Pagliarani, wies in seiner Ansprache vor den Gläubigen in Écône den Vorwurf zurück, die Spaltung bewusst zu vertiefen. Die Weihe finde statt, «gerade weil wir den Papst als Stellvertreter Christi, als Haupt der Kirche lieben», sagte Pagliarani. Und weiter: «Wir wollen nicht, dass der Papst weiter gedemütigt wird, an der Seite falscher Hirten, die falsche Religionen vertreten.»

Die Argumentation folgt einer Logik, die die Bruderschaft seit Jahrzehnten pflegt: Nicht sie habe sich von Rom entfernt, sondern Rom von der wahren Lehre. Die Weihen seien ein Akt der Notwendigkeit, um das Überleben der Tradition zu sichern – nicht ein Akt der Rebellion.

Für den Vatikan ist diese Lesart inakzeptabel. Zwar mögen die Einwände Roms manchen übertrieben erscheinen – schliesslich kennen viele Kirchen unterschiedliche Strömungen, konservative wie progressive. Doch die Weihe von Bischöfen ohne Zustimmung des Papstes gilt im katholischen Verständnis als schwerster Angriff auf die Einheit der Kirche schlechthin. Wer eigene Bischöfe schafft, schafft eine eigene Hierarchie – und damit im Kern eine eigene Kirche.

Wie gross und wie finanzstark ist die Bewegung

Gemessen an der Weltkirche ist die Piusbruderschaft klein: Rund 600'000 Anhängerinnen und Anhänger weltweit stehen mehr als 1,4 Milliarden Katholiken gegenüber. Doch die Gemeinschaft ist längst global aufgestellt und in Dutzenden Ländern präsent – mit einer besonders aktiven und begeisterten Anhängerschaft etwa im US-Bundesstaat Kansas.

Und an finanziellen Mitteln mangelt es offensichtlich nicht. Die Weihezeremonie wurde auf YouTube in sieben Sprachen live übertragen – eine logistische und technische Leistung, die professionelle Strukturen voraussetzt. Die tausenden Besucherinnen und Besucher in Écône konnten Baseballcaps mit der Aufschrift «Écône2026» erwerben. Sogar Geschenkpakete mit Schweizer Wein wurden angeboten – zum Preis von 92 Dollar, umgerechnet rund 80 Franken, jede Flasche verziert mit dem Bild einer Mitra, der kronenähnlichen Kopfbedeckung der Bischöfe.

Die Mischung aus mittelalterlicher Liturgie und modernem Merchandising mag irritieren – sie zeigt aber, dass die Bruderschaft ihre Anhängerschaft professionell mobilisiert und an sich bindet.

Was bedeutet die Weihe für die Schweiz und das Wallis

Für die Schweiz hat der Konflikt eine besondere Dimension: Écône liegt im Unterwallis, und die Bruderschaft ist seit ihrer Gründung eng mit dem Kanton verbunden. Das dortige Priesterseminar ist das historische Herzstück der Bewegung – hier wurden Generationen traditionalistischer Priester ausgebildet, hier fanden die Weihen von 1988 statt, hier schlägt das Herz des weltweiten Traditionalismus.

Dass mit Pascal Schreiber nun auch ein Schweizer unter den neu geweihten Bischöfen ist, unterstreicht die Verwurzelung der Bewegung im Land zusätzlich. Für die katholische Kirche in der Schweiz, die ohnehin mit Mitgliederschwund und internen Debatten ringt, ist die neuerliche Eskalation im eigenen Land eine unbequeme Entwicklung – der Riss durch die Weltkirche verläuft mitten durch einen Walliser Weinberg.

Alle Augen richten sich nun auf Rom. Papst Leo XIV. hat unmissverständlich klargemacht, dass er die vier neuen Bischöfe als illegitim betrachtet und die Weihe als klaren Angriff auf die katholische Kirche wertet. Die Exkommunikation der Geweihten gilt als wahrscheinlichste Konsequenz – so wie 1988. Zugleich steckt der Papst in einem Dilemma: Jede weitere Eskalation könnte das von ihm gefürchtete Schisma vertiefen und zementieren. Reagiert Rom mit voller Härte, treibt es die Bruderschaft womöglich endgültig in die Abspaltung. Reagiert Rom zu milde, signalisiert es, dass päpstliche Autorität folgenlos missachtet werden kann. Für ein noch junges Pontifikat ist das eine Zerreissprobe – ausgelöst an einem grauen Mittwochmorgen in einem kleinen Walliser Dorf.

FAQ – Die wichtigsten Fragen und Antworten

Trotz Warnung von Papst Leo XIV. hat die Piusbruderschaft in Écône VS vier Bischöfe geweiht. 15'000 Gläubige kamen ins Wallis – der Vatikan spricht von einem schismatischen Akt. Alle Hintergründe.

Was ist die Piusbruderschaft (SSPX)? Die Priesterbruderschaft St. Pius X. ist eine 1970 vom französischen Erzbischof Marcel Lefebvre gegründete traditionalistische Gemeinschaft. Sie lehnt zentrale Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils ab, darunter die Messe in Landessprachen, und zählt weltweit rund 600'000 Anhänger.

Warum ist die Bischofsweihe in Écône so brisant? Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat gelten im katholischen Kirchenrecht als schwerster Verstoss gegen die Einheit der Kirche und ziehen die automatische Exkommunikation nach sich. Papst Leo XIV. hatte die Weihe vorab als «schismatischen Akt» verurteilt.

Wer wurde in Écône zum Bischof geweiht? Vier Priester: Pascal Schreiber aus der Schweiz, Michael Goldade aus den USA sowie Michel Poinsinet de Sivry und Marc Hanappier aus Frankreich.

Was geschah bei der letzten unerlaubten Weihe 1988? Gründer Marcel Lefebvre weihte 1988 vier Bischöfe ohne Erlaubnis Roms. Er und die Geweihten wurden umgehend exkommuniziert. Papst Benedikt XVI. hob die Exkommunikationen 2009 auf, eine Versöhnung kam dennoch nie zustande.

Werden die neuen Bischöfe exkommuniziert? Das gilt als wahrscheinlich. Papst Leo XIV. betrachtet die Weihe als illegitim; nach Kirchenrecht tritt die Exkommunikation bei einer Weihe ohne päpstliches Mandat automatisch ein. Eine offizielle Erklärung aus Rom steht noch aus.

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