Teilen Sie dies:

Im Jahr 1986 brachte die Cantina Giubiasco im Tessin einen Wein auf den Markt, der nach den Regeln der damaligen Weinwelt eigentlich ein Widerspruch war: einen Weisswein aus der roten Merlot-Traube. Der Name des Weins — Bucaneve, italienisch für Schneeglöckchen — sollte Frische und Helligkeit signalisieren. Vier Jahrzehnte später ist aus dem Experiment einer angeschlagenen Genossenschaftskellerei eine eigene Weinkategorie geworden: Der Bianco di Merlot machte 2025 gemäss publizierten Branchenzahlen rund 27 Prozent der gesamten Tessiner Weinernte aus, umgerechnet über 10'000 Hektoliter oder mehr als 1,3 Millionen Flaschen. Wer verstehen will, warum ein einzelnes Produkt eine ganze Kantonswirtschaft prägen konnte, muss weiter zurückgehen — zur Reblaus-Katastrophe des 19. Jahrhunderts, zur wissenschaftlichen Rettung des Tessiner Weinbaus ab 1902 und zu einer Kellerei in Giubiasco, die Mitte der 1980er Jahre knapp am Konkurs vorbeischrammte, berichtet die Redaktion von Nume.

Die Ausgangslage: Ein Kanton, der fast nur Rot konnte

Das Tessin ist der einzige italienischsprachige Weinbaukanton der Schweiz und zugleich einer der homogensten: Laut den 2025 von Blick publizierten Zahlen waren von den 1115 Hektaren Tessiner Rebfläche 88 Prozent mit roten Sorten bestockt, allein 832 Hektaren mit Merlot. Kein anderes Schweizer Anbaugebiet ist derart auf eine einzige Rebsorte konzentriert. Diese Monokultur ist kein Zufall der Natur, sondern das Ergebnis einer der grössten agrarpolitischen Sanierungen der Schweizer Geschichte.

Reblaus, Mehltau und der Zusammenbruch des alten Weinbaus

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war der Tessiner Weinbau eine kleinteilige Selbstversorgungswirtschaft: eine Vielzahl roter Sorten in Mischkultur, sortenbunt und ohne kellertechnische Standards gekeltert. Bereits der spätere Bundesrat Stefano Franscini zeichnete in seinem Werk «La Svizzera italiana» (1837–1840) ein ernüchterndes Bild dieser Realität. Dann kamen die drei aus Amerika eingeschleppten Rebkrankheiten. 1846 trat im Kanton der Echte Mehltau (Oidium) auf, später folgten Falscher Mehltau und die Reblaus. Die Folgen waren verheerend: Die ursprünglich rund 8000 Hektaren Tessiner Rebfläche schrumpften auf etwa 1200 Hektaren. Ganze Winzerfamilien wanderten nach Amerika aus, weil ihre Existenzgrundlage buchstäblich an der Wurzel zerstört wurde.

Chemische Mittel halfen gegen die Reblaus nicht — war der Befall sichtbar, war der Rebstock bereits verloren. Die einzige tragfähige Lösung bestand darin, europäische Edelreiser auf reblausresistente amerikanische Unterlagsreben aufzupfropfen. Damit war klar: Der Tessiner Weinbau musste nicht repariert, sondern von Grund auf neu aufgebaut werden. Das Kantonsparlament formulierte den politischen Willen, der Kanton solle wieder über eine funktionierende Rebwirtschaft verfügen — und zwar auf wissenschaftlicher Basis.

1906: Merlot als wissenschaftliches Projekt, nicht als Zufall

1902 schuf der Kanton einen sogenannten Wanderlehrstuhl für Landwirtschaft und besetzte ihn mit dem italienischen Agronomen und Pharmakologen Alderige Fantuzzi. Dessen Auftrag war doppelt: die oft ungenügend ausgebildeten Winzer direkt in den Dörfern zu schulen — zu Fuss oder mit dem Fahrrad erreichte er auch entlegene Täler — und das gesamte Rebsortenspektrum des Kantons systematisch zu inventarisieren und zu testen. Geprüft wurden unter anderem Merlot, Pinot Noir, Cabernet, Barbera und Nebbiolo. 1904/1905 trafen die ersten Merlot-Stecklinge aus dem Bordelais im Tessin ein; 1906 wurden ihre ersten Trauben gekeltert und analysiert. Parallel experimentierte der Arzt, Winzer und Staatsrat Giovanni Rossi (1861–1926) auf seinem eigenen Gut mit verschiedenen Sorten.

Das Resultat war eindeutig: Der Merlot lieferte zusammen mit dem Malbec die besten Alkohol- und Säurewerte, war früher reif, ertragskräftiger sowie krankheits- und fäulnisresistenter als die Konkurrenz. Fantuzzi war 1906 überzeugt, die richtige Sorte gefunden zu haben. Die Rebschule in Mendrisio bestellte daraufhin 12'230 Merlot-Pfropfreiser, die 1907 im ganzen Kanton verteilt wurden. Doch der Durchbruch liess Jahrzehnte auf sich warten: Eine kantonale Kommission favorisierte zwischenzeitlich piemontesische Sorten wie Bonarda, Dolcetto und Vespolina, die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre und der Zweite Weltkrieg verzögerten die Umstellung zusätzlich. Erst 1925 setzte ein Achtungserfolg ein Zeichen: An der landwirtschaftlichen Landesausstellung in Bern erhielt mit dem Merlot Ronco Mezzana (Jahrgänge 1921–1924) erstmals ein Tessiner Wein eine Goldmedaille. Nach Kriegsende war die Sortenfrage entschieden. 1948 schuf der Kanton per Erlass die Qualitätsmarke VITI, die bis heute von einer Expertenkommission an hochwertige Tessiner Merlot-Rotweine vergeben wird und der Sorte auf dem Markt als Garantiesiegel diente.

Damit war das Tessin zum Merlot-Kanton geworden — mit einer Konsequenz, die zunächst niemand als Problem erkannte.

Das strukturelle Problem: Nachfrage nach Weisswein, aber kaum weisse Trauben

Die Sanierung des Tessiner Weinbaus war eine Erfolgsgeschichte, aber sie hatte eine eingebaute Schieflage. Der Konsum verschob sich in der Schweiz ab den 1970er und 1980er Jahren spürbar: Apéro-Kultur, leichtere Küche, Sommergastronomie und die wachsende touristische Bedeutung des Tessins liessen die Nachfrage nach frischen, kühl servierten Weissweinen steigen. In den Grotti, Hotels und Restaurants des Kantons wurde zu Salumi nostrani, Fisch aus den Seen, Risotto, Ziegenkäse oder Zincarlìn nicht nur Rotwein verlangt.

Der Kanton konnte diese Nachfrage aus eigener Produktion kaum bedienen. Weisse Sorten wie Chardonnay, Sauvignon Blanc oder Kerner spielten flächenmässig eine Nebenrolle — bis heute stehen sie im Schatten der roten Sorten, die nahezu neun Zehntel der Rebfläche belegen. Import wäre die einfache Antwort gewesen, doch für eine Region, die ihre gesamte Weinidentität über Jahrzehnte mühsam aufgebaut hatte, war das strategisch unbefriedigend: Jede importierte Flasche Weisswein war verlorene Wertschöpfung und ein Bruch im regionalen Erzählstrang. Die Lösung lag — im Rückblick fast banal — im eigenen Rebberg. Denn die Merlot-Traube ist zwar rot, ihr Saft aber ist hell. Die Farbe eines Rotweins entsteht erst durch den Kontakt des Mosts mit den Farbstoffen (Anthocyanen) in den Beerenschalen während der Maischegärung. Wer die Trauben unmittelbar nach der Lese schonend presst und den Most rasch von den Schalen trennt, erhält einen hellen Wein aus roten Trauben. International ist dieses Prinzip als Blanc de Noirs bekannt, in der Champagne seit Langem etabliert. Im Tessin der 1980er Jahre war es als Stillwein-Konzept jedoch Neuland.

Die Cantina Giubiasco: Genossenschaft, Krise, Neustart

Dass ausgerechnet die Kellerei in Giubiasco diesen Schritt wagte, hat mit ihrer besonderen Geschichte zu tun — und mit einer existenziellen Krise.

1929: Die erste Weinbau-Genossenschaft des Kantons

Die Cantina wurde 1929 als «Cantina sociale del Bellinzonese» gegründet und war die erste Genossenschaft im Weinsektor des Kantons Tessin. Ihr Modell: Hunderte Kleinwinzer aus der Hügellandschaft rund um Bellinzona — jener Region, deren mittelalterliche Burgen heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören — liefern ihre Trauben an eine zentrale Kellerei, die Vinifikation, Qualitätssicherung und Vermarktung übernimmt. 1972 wurde das Unternehmen in «Cantina sociale di Giubiasco» umbenannt, blieb aber genossenschaftlich organisiert. Nach eigenen Angaben verarbeitet die heutige CAGI – Cantina Giubiasco SA die Trauben von rund 350 Produzenten und steht für etwa 10 bis 12 Prozent der gesamten Tessiner Weinproduktion; Merlot macht dabei rund vier Fünftel der angelieferten Ernte aus. Der Sitz befindet sich an der Via Linoleum 11 in Giubiasco, seit der Gemeindefusion ein Ortsteil von Bellinzona.

Die Beinahe-Pleite der 1980er Jahre

Weniger bekannt ist, dass die Kellerei Mitte der 1980er Jahre nur knapp dem Konkurs entging. Gerettet wurde sie durch die Intervention des Tessiner Milchproduzentenverbands (FTPL), der das Unternehmen als Aktiengesellschaft neu aufstellte — ein für die Schweizer Agrarwirtschaft typischer Vorgang, bei dem eine Genossenschaftsstruktur eine andere stützte. Genau in diese Umbruchphase fällt die Lancierung des Bucaneve. Das ist mehr als eine zeitliche Koinzidenz: Eine Kellerei, die um ihr Überleben kämpft, braucht Produkte, die schnell Umsatz generieren, Lager entlasten und neue Käuferschichten erschliessen. Der weiss gekelterte Merlot erfüllte alle drei Kriterien.

1986: Bucaneve — die Geburt des Merlot bianco

1986 brachte die Cantina Giubiasco den ersten weiss abgepressten Merlot unter dem Namen Bucaneve auf den Markt. Nach Angaben des Unternehmens trug der Wein wesentlich zum Ansehen der Kellerei bei — und er begründete faktisch eine neue Tessiner Weinkategorie. Die CAGI gilt bis heute als Wiege der Weissvinifikation von Merlot in der Schweiz.

Warum der Name Schneeglöckchen sass

Bucaneve heisst auf Italienisch Schneeglöckchen — wörtlich «Schneedurchbohrer», weil die Blume als erste durch die Schneedecke stösst. Die Namenswahl war präzises Marketing avant la lettre: Das Schneeglöckchen steht für Frühling, Helligkeit, Zartheit und Neubeginn — das exakte Gegenprogramm zur schweren, dunklen Rotwein-Logik, mit der Merlot damals assoziiert wurde. Der Name kommunizierte in einem Wort, was der Wein sein wollte: hell, frisch, früh. Im Tessiner und Deutschschweizer Alltag bürgerte sich daneben die liebevolle Bezeichnung «Schneeglöggli-Wii» ein.

Die wirtschaftliche Logik hinter dem hellen Wein

Hinter dem poetischen Namen stand harte Betriebswirtschaft. Ein klassischer Tessiner Merlot-Rotwein bindet Kapital: Er braucht Maischegärung, oft biologischen Säureabbau, teilweise Holzausbau und Monate bis Jahre Reifezeit, bevor er verkaufsfähig ist. Ein Merlot bianco dagegen wird direkt gepresst, kühl im Stahltank vergoren und kann bereits im Frühjahr nach der Ernte auf den Markt — als frischer, unkomplizierter Jahrgangswein. Für die Produzenten bedeutet das schnellere Liquidität, höheren Lagerumschlag und bessere Planbarkeit. Falstaff ordnet den Bianco di Merlot entsprechend als Entwicklung ein, die half, volle Rotweinlager zu entlasten und die Tessiner Weinwirtschaft insgesamt flexibler zu machen. Für eine Genossenschaftskellerei mit 350 Traubenlieferanten, die kurz zuvor am Abgrund gestanden hatte, war dieser Cashflow-Effekt kein Nebenaspekt, sondern ein Kernargument.

Hinzu kam ein Portfolio-Effekt, der sich erst über die Jahre voll entfaltete: Der Merlot bianco erlaubt es den Kellereien, auf Jahrgangsschwankungen und Marktverschiebungen zu reagieren. In Jahren mit hoher Ernte oder schwächerer Rotweinnachfrage kann ein grösserer Anteil der Merlot-Trauben weiss gekeltert werden — die Rebfläche selbst muss dafür nicht verändert werden. Das macht die Kategorie zu einem eingebauten Ventil der Tessiner Weinwirtschaft.

Die Kellertechnik: So wird aus roten Trauben Weisswein

Der Bucaneve ist kein önologischer Zaubertrick, sondern das Ergebnis konsequenter, schneller und sauberer Kellerarbeit. Jeder Schritt zielt darauf ab, den Kontakt zwischen Most und Beerenschalen zu minimieren.

Direktpressung statt Maischegärung

Nach Angaben der Produzentin und übereinstimmenden Handelsbeschreibungen werden die Merlot-Trauben für den Bucaneve von Hand gelesen und möglichst rasch einer sanften Pressung (Ganztraubenpressung mit niedrigem Druck) unterzogen. Entscheidend ist das Zeitfenster: Je kürzer der Most auf den dunklen Schalen liegt, desto heller bleibt er. Anschliessend wird der Most geklärt und bei niedriger Temperatur in Edelstahltanks vergoren — die kühle Gärung konserviert die feinen, floralen Primäraromen der Sorte, die bei klassischer Rotweinbereitung von Tannin und Farbe überlagert würden. Auf Maischestandzeit, Holzausbau und langen Hefekontakt wird beim klassischen Bucaneve verzichtet. Das Resultat ist ein Wein von strohgelber bis blassgelber Farbe.

Was den Merlot bianco vom Rosé unterscheidet

Die Abgrenzung ist für Konsumenten relevant, weil beide Weine aus denselben roten Trauben entstehen können. Beim Rosé lässt man den Most bewusst einige Stunden auf den Schalen, damit er eine zartrosa Farbe und etwas mehr Struktur annimmt. Beim Bianco di Merlot wird genau das vermieden: Direktpressung, sofortige Trennung, kein gewollter Farbstoffübergang. Der Merlot bianco ist deshalb kein «heller Rosé», sondern ein vollwertiger Weisswein — technisch derselbe Ansatz, mit dem in der Champagne aus Pinot Noir und Pinot Meunier weisse Grundweine erzeugt werden. Die Cantina Giubiasco führt in ihrer Bucaneve-Linie im Übrigen beide Stile parallel: den weissen Klassiker und einen Rosé, seit 2018 zusätzlich einen Spumante und seit dem Jahrgang 2014 sogar einen roten Bucaneve.

Der Wein im Profil

MerkmalBucaneve Bianco di Merlot
Rebsorte100 % Merlot (rote Traube, weiss gekeltert)
AppellationTicino DOC
Herkunft der TraubenHügellagen rund um Bellinzona, rund 350 Lieferbetriebe
Lesevon Hand
Vinifikationsanfte Direktpressung, kühle Gärung im Edelstahltank, ohne Maischegärung
Farbehelles Strohgelb
Aromatikfloral, weisses Fruchtfleisch (Birne, Apfel), Zitrusnoten
Geschmacktrocken, weich, milde Säure, unkompliziert
Alkoholrund 11,5 Volumenprozent (je nach Jahrgang)
Serviertemperatur10–12 °C
Trinkreifejung, in der Regel innerhalb von zwei bis drei Jahren

Die moderate Alkoholgradation und die milde Säure erklären einen Teil des kommerziellen Erfolgs: Der Wein ist niederschwellig, terrassentauglich und stellt keine Ansprüche an Vorwissen. Genau diese Zugänglichkeit trägt ihm in Fachkreisen gelegentlich auch Kritik ein — dazu später mehr.

Vom Einzelfall zur Kategorie: Der Bianco di Merlot erobert das Tessin

Der Bucaneve blieb nicht lange allein. In den 1990er und 2000er Jahren übernahmen praktisch alle relevanten Tessiner Produzenten das Prinzip; heute gibt es kaum eine Kellerei im Kanton ohne eigenen Bianco di Merlot im Sortiment. Aus der Notlösung einer einzelnen Genossenschaft wurde eine Kategorie mit eigenem Regalplatz, eigener Preisarchitektur und eigener Stilistik-Bandbreite — vom schlanken Stahltank-Apérowein bis zu ambitionierten, teilweise im Holz ausgebauten Interpretationen.

Die Dimension lässt sich beziffern. Laut den 2025 von Blick publizierten Zahlen entfielen auf den Merlot bianco rund 27 Prozent der Tessiner Weinernte: 10'240 Hektoliter, was rechnerisch etwa 1'365'000 Flaschen zu 0,75 Litern entspricht. Falstaff schätzte den Anteil des Bianco di Merlot an der gesamten Tessiner Merlot-Produktion bereits 2025 auf 25 bis 30 Prozent. Für einen Kanton mit gut 1100 Hektaren Rebfläche ist das eine bemerkenswerte Verschiebung: Mehr als ein Viertel der Ernte eines klassischen Rotwein-Kantons wird heute weiss gekeltert.

Kennzahl (2025, gemäss publizierten Branchenzahlen)Wert
Tessiner Rebfläche gesamt1115 Hektaren
Anteil roter Sorten88 Prozent
Merlot-Fläche832 Hektaren
Anteil Merlot bianco an der Weinernterund 27 Prozent
Produktionsmenge Merlot bianco10'240 Hektoliter
Umgerechnet in Flaschen (0,75 l)ca. 1'365'000
Anteil der CAGI an der kantonalen Produktionca. 10–12 Prozent

Bemerkenswert ist dabei die doppelte Rolle des Merlot bianco: Er löste nicht nur das Weisswein-Defizit des Kantons, sondern verbreiterte auch die stilistische Erzählung der Sorte. Das Tessin gilt heute als jene Weinregion, in der Merlot in der grössten Bandbreite vinifiziert wird — rot, weiss, rosé, als Schaumwein und als Süsswein. Diese Vielseitigkeit ist zu einem eigenständigen Marketingargument des Kantons geworden, und am Anfang dieser Erzählung steht der Bucaneve.

Chronologie: Vom Reblaus-Kollaps zur weissen Merlot-Revolution

JahrEreignis
1846Der Echte Mehltau (Oidium) erreicht das Tessin; Beginn der grossen Rebkrankheiten-Krise
Ende 19. Jh.Reblaus und Falscher Mehltau vernichten den Grossteil der Rebfläche; Rückgang von rund 8000 auf etwa 1200 Hektaren
1902Der Kanton schafft den Wanderlehrstuhl für Landwirtschaft; Alderige Fantuzzi übernimmt
1904/1905Die ersten Merlot-Stecklinge aus dem Bordelais treffen im Tessin ein
1906Erste Kelterung von Tessiner Merlot; Fantuzzi identifiziert die Sorte als Zukunftstraube
190712'230 Merlot-Pfropfreiser werden im ganzen Kanton verteilt
1925Erste Goldmedaille für einen Tessiner Wein an der Landesausstellung in Bern (Merlot Ronco Mezzana)
1929Gründung der Cantina sociale del Bellinzonese in Giubiasco — erste Weinbau-Genossenschaft des Kantons
1948Der Kanton schafft die Qualitätsmarke VITI für hochwertige Merlot-Rotweine
1972Umbenennung in Cantina sociale di Giubiasco
Mitte 1980erBeinahe-Konkurs; Rettung durch den Tessiner Milchproduzentenverband (FTPL), Umwandlung in eine Aktiengesellschaft
1986Lancierung des Bucaneve — der erste weiss gekelterte Tessiner Merlot
1988Die Kellerei führt mit der Ernte 1988 die ersten Barriques ein
1990er/2000erDer Bianco di Merlot wird kantonsweit zur festen Kategorie
ab 2001Umfassende Renovation der Kellerei, insbesondere Traubenannahme und Vinifikation
2014Erster roter Bucaneve ergänzt die Linie
2018Bucaneve Spumante: Der weisse Merlot wird auch zum Schaumwein
2025Merlot bianco erreicht rund 27 Prozent der Tessiner Weinernte
2026Der Bucaneve steht für 40 Jahre Marktgeschichte des Merlot bianco

Terroir-Nuancen: Warum die Herkunft der Trauben mitspielt

Das Tessin ist geologisch zweigeteilt, und diese Teilung prägt auch den Merlot bianco. Der Sopraceneri im Norden — zu dem die Region Bellinzona gehört — ruht auf kristallinem Gestein mit Gneis und Granit; die Böden sind eher sauer, leicht und sandig. Der Sottoceneri im Süden, insbesondere das Mendrisiotto, hat kalkhaltigere, tonreichere und schwerere Böden. Faustregel der Fachliteratur: Der Norden bringt tendenziell frischere, mineralischere Weine hervor, der Süden körperreichere und opulentere.

Für einen auf Frische und Trinkigkeit angelegten Weisswein wie den Bucaneve sind die Hügellagen um Bellinzona damit kein Zufallsstandort, sondern ein passendes Terroir: Das milde, sonnenreiche Klima — das Tessin zählt im Schnitt über 2300 Sonnenstunden pro Jahr — sorgt für aromatische Reife, während gut drainierte Lagen und die nördlichere Bodencharakteristik die nötige Frische bewahren. Hinzu kommt das Genossenschaftsmodell selbst: Wer Trauben von rund 350 Betrieben aus unterschiedlichen Mikrolagen bündelt, kann Jahrgangsschwankungen ausgleichen und eine konstante, wiedererkennbare Stilistik sicherstellen — für einen Volumenwein mit Markencharakter ein entscheidender Vorteil gegenüber dem Einzellagen-Prinzip.

Weiterentwicklung: Barrique, Rosé, Spumante und der rote Bucaneve

Die Cantina Giubiasco hat den Bucaneve über die Jahrzehnte von einem Einzelprodukt zu einer Linie ausgebaut, die die stilistische Spannweite des Merlot demonstriert. 1988 — nur zwei Jahre nach der Bucaneve-Lancierung — führte die Kellerei als eine der ersten der Region Barriques für den Ausbau ihrer Merlot-Rotweine ein, eine damals in der Deutschschweiz und im Tessin noch junge Technik. Ab 2001 wurde die Kellerei umfassend modernisiert, namentlich Traubenannahme und Vinifikation. 2014 folgte der erste rote Bucaneve, 2018 der Spumante: Der weiss gekelterte Merlot-Grundwein durchläuft dabei eine zweite Gärung mit mehrmonatigem Hefelager und wird zum Schaumwein — die konsequente Fortsetzung des Blanc-de-Noirs-Gedankens bis zur Perlage.

Parallel diversifizierte das Haus über die Marke hinaus: mit klassischen, moderat gereiften Rotweinen wie dem «Alba-VITI», einer im Eichenfass ausgebauten Riserva, einer «Origine»-Linie, die einzelne Regionen, Gemeinden und Traubenproduzenten hervorhebt, sowie der reinsortigen Vinifikation der autochthonen Tessiner Sorte Bondola — ein Beitrag zum Erhalt einer Rebsorte, die vor der Merlot-Ära zum traditionellen Sortenspektrum des Kantons gehörte. Diese Doppelstrategie — Innovation beim Weissen, Traditionspflege beim Roten — ist typisch für die Position der Kellerei zwischen Volumenmarkt und regionaler Identität.

Einordnung und Kritik: Was der Erfolg verdeckt

Eine journalistisch saubere Bilanz muss auch die Gegenargumente nennen. Der Bianco di Merlot hat Kritiker, und die Tessiner Weinwirtschaft steht trotz des Erfolgs vor strukturellen Fragen. Erstens die stilistische Kritik: Ein Teil der Fachwelt hält den einfachen Merlot bianco für önologisch wenig anspruchsvoll — ein süffiger, milder Terrassenwein mit wenig Säurespannung und begrenztem Reifepotenzial. Auch in Konsumentenbewertungen taucht gelegentlich der Einwand auf, manche Vertreter der Kategorie wirkten eine Spur zu weich oder zu süsslich. Die Kategorie hat darauf reagiert: Ambitionierte Produzenten arbeiten heute mit Hefelager, Teilvergärung im Holz oder längerer Reife, um dem Bianco di Merlot mehr Tiefe zu geben. Der Bucaneve selbst bleibt bewusst beim frischen, zugänglichen Stil — das ist keine Schwäche, sondern eine Positionierung, aber man sollte sie als solche benennen.

Zweitens die klimatische Frage: Der Rebgenetiker José Vouillamoz wies darauf hin, dass die Klimaerwärmung das empfindliche Gleichgewicht von Säure, Zucker und Aromen bedroht — erreichen diese Werte ihr Optimum nicht mehr gleichzeitig, drohen unharmonische Weine. Für einen Weinstil, der von Frische und moderatem Alkohol lebt, ist das keine abstrakte Sorge: Steigende Zuckerwerte bedeuten tendenziell mehr Alkohol und weniger Säure — genau die Parameter, die den Merlot bianco ausmachen. Immerhin gibt es Spielraum: Im Tessin werden derzeit nur fünf Merlot-Klone angebaut, während in Sammlungen über 300 existieren; die Selektion hitzetauglicherer Klone und passender Unterlagsreben gilt als zentrale Aufgabe der kommenden Jahre. Denkbar ist auch, dass frühere Lesetermine für die Weissvinifikation zum Standard werden — für einen Blanc de Noirs sind moderat reife Trauben ohnehin kein Nachteil.

Drittens der Markt: Der Weinkonsum in der Schweiz sinkt seit Jahren, und die Konkurrenz durch günstige Importweine setzt gerade das mittlere Preissegment unter Druck, in dem sich viele Bianchi di Merlot bewegen. Der Merlot bianco hat hier paradoxerweise gute Karten — leichte, frische Weine mit moderatem Alkohol entsprechen dem aktuellen Konsumtrend eher als schwere Rotweine —, doch garantiert ist nichts. Die Kategorie, die einst volle Rotweinlager entlastete, könnte künftig selbst zur strategischen Hauptlast der Vermarktung werden, wenn der Rotweinabsatz weiter erodiert.

Viertens die Identitätsfrage: Nicht alle im Kanton sehen die zunehmende Verschiebung Richtung Weissvinifikation unkritisch. Der Ruf des Tessins wurde über ein Jahrhundert mit dem roten Merlot aufgebaut, das VITI-Siegel von 1948 ist bis heute ein Rotwein-Siegel. Wenn mehr als ein Viertel der Ernte weiss gekeltert wird, verändert das langfristig das Profil des Kantons — ob als Bereicherung oder als Verwässerung, darüber gehen die Meinungen in der Branche auseinander.

Was der Bucaneve über die Schweizer Weinwirtschaft verrät

Jenseits des Einzelprodukts ist der Bucaneve ein Lehrstück über die Funktionsweise der Schweizer Agrar- und Weinwirtschaft. Drei Muster fallen auf.

Erstens: Innovation aus der Krise. Die grossen Weichenstellungen des Tessiner Weinbaus — die Merlot-Einführung 1906 wie die Weissvinifikation 1986 — entstanden nicht aus Überfluss, sondern aus existenzieller Not: hier die Reblaus, dort der Beinahe-Konkurs einer Genossenschaft. In beiden Fällen wurde nicht das Terroir neu erfunden, sondern die vorhandene Ressource anders genutzt.

Zweitens: die Stärke kooperativer Strukturen. Ohne das Genossenschaftsmodell mit seinen Hunderten Kleinwinzern hätte es weder die flächendeckende Merlot-Umstellung noch die schnelle Skalierung des Merlot bianco gegeben. Und ohne die Rettung durch den Milchproduzentenverband — eine Genossenschaft stützt die andere — wäre die Kellerei, die den Bucaneve erfand, 1986 womöglich gar nicht mehr am Markt gewesen.

Drittens: Pragmatismus statt Dogma. Dass eine rote Traube weiss gekeltert wird, verstiess gegen keine Regel, aber gegen die Gewohnheit. Die Tessiner Antwort war unideologisch: Wenn der Markt Weisswein verlangt und der Rebberg Merlot liefert, wird eben Merlot zu Weisswein. Genau diese nüchterne Verbindung von Landwirtschaft, Kellertechnik und Betriebswirtschaft macht die Geschichte typisch schweizerisch — und erklärt, warum sie vier Jahrzehnte trägt.

Für Konsumentinnen und Konsumenten ist der praktische Nutzen unverändert: Wer im Tessin lokal trinken will, muss beim Apéro nicht auf andere Regionen ausweichen. Wer Merlot mag, findet in der weissen Variante dieselbe Traube in heller, frischer Form. Und wer regionale Herkunft sucht, bekommt mit dem Bucaneve einen Wein mit dokumentierter Geschichte statt austauschbarer Sommerware.

Wozu passt der Bucaneve?

Seine Stärke spielt der Merlot bianco überall dort aus, wo kräftige Rotweine zu dominant wären. Die milde Säure, das florale Aromenspiel und der moderate Alkohol machen ihn zum vielseitigen Essensbegleiter:

Anlass / GerichtWarum es passt
Apéro auf der Terrassetiefe Serviertemperatur, unkomplizierte Frische, moderater Alkohol
Salumi nostrani und Antipastimilde Säure balanciert Salz und Fett der Tessiner Charcuterie
Fisch aus See und Fluss (Egli, Felchen, Forelle)zarte Aromatik überdeckt feine Fischgerichte nicht
Risotto mit Kräutern oder GemüseSchmelz des Weins spiegelt die Cremigkeit des Risottos
Ziegenkäse und Zincarlìnflorale Noten harmonieren mit frischen, würzigen Käsen
Leichte Pasta und SommersalateTrinkfluss ohne Beschwernis
Helles Fleisch (Poulet, Kalb)genug Substanz, ohne zu dominieren

Empfohlen wird eine Serviertemperatur von 10 bis 12 Grad; getrunken wird der Wein idealerweise jung, innerhalb von zwei bis drei Jahren nach der Ernte.

Häufige Fragen zum Bucaneve und zum Merlot bianco

Bucaneve, der erste weiss gekelterte Merlot der Schweiz: Wie die Cantina Giubiasco 1986 aus roten Trauben Weisswein machte — Geschichte, Kellertechnik, Zahlen und die Zukunft des Bianco di Merlot.

Was ist der Bucaneve?

Der Bucaneve ist ein Weisswein aus 100 Prozent roten Merlot-Trauben, den die Cantina Giubiasco (CAGI) im Tessin seit 1986 produziert. Er gilt als erster weiss gekelterter Merlot des Kantons und als Ursprung der heutigen Kategorie Bianco di Merlot. Der Name bedeutet auf Italienisch Schneeglöckchen.

Wie kann aus einer roten Traube Weisswein entstehen?

Das Fruchtfleisch der Merlot-Traube ist hell; die Farbe des Rotweins stammt aus den Beerenschalen. Werden die Trauben sofort nach der Lese sanft gepresst und wird der Most rasch von den Schalen getrennt, bleibt der Wein hell. Das Prinzip ist international als Blanc de Noirs bekannt.

Worin unterscheidet sich ein Merlot bianco von einem Rosé?

Beim Rosé bleibt der Most bewusst einige Stunden auf den Schalen und nimmt dabei Farbe an. Beim Merlot bianco wird jeder Schalenkontakt vermieden: Direktpressung, sofortige Trennung, kühle Gärung im Stahltank. Der Merlot bianco ist deshalb ein echter Weisswein, kein heller Rosé.

Warum wurde der Merlot bianco überhaupt erfunden?

Das Tessin war nach der Reblaus-Sanierung des frühen 20. Jahrhunderts fast vollständig auf roten Merlot ausgerichtet, während Gastronomie und Konsumenten zunehmend frische Weissweine verlangten. Die Weissvinifikation der vorhandenen roten Trauben schloss diese Lücke, ohne dass Rebflächen umgestellt werden mussten — und verschaffte den Kellereien zugleich schneller verkaufsfähige Weine und entlastete Rotweinlager.

Wie gross ist die Bedeutung des Merlot bianco heute?

Gemäss 2025 publizierten Branchenzahlen entfielen rund 27 Prozent der Tessiner Weinernte auf Merlot bianco — 10'240 Hektoliter oder umgerechnet etwa 1,37 Millionen Flaschen. Falstaff schätzt den Anteil an der gesamten Merlot-Produktion des Kantons auf 25 bis 30 Prozent. Praktisch jede Tessiner Kellerei führt heute einen Bianco di Merlot.

Wer produziert den Bucaneve?

Die CAGI – Cantina Giubiasco SA mit Sitz an der Via Linoleum 11 in Giubiasco (Bellinzona). Die 1929 gegründete Kellerei war die erste Weinbau-Genossenschaft des Kantons, wurde Mitte der 1980er Jahre nach einer Beinahe-Pleite als Aktiengesellschaft neu aufgestellt und verarbeitet die Trauben von rund 350 Winzern — etwa ein Zehntel der gesamten Tessiner Produktion.

Wie trinkt man den Bucaneve am besten?

Gut gekühlt bei 10 bis 12 Grad, jung und als Begleiter zu Apéro, Antipasti, Fisch, Risotto, hellem Fleisch oder frischen Käsen. Mit rund 11,5 Volumenprozent Alkohol ist er zudem vergleichsweise leicht.

Der Bucaneve ist die seltene Geschichte eines Weins, dessen Bedeutung über den Inhalt der Flasche hinausreicht. 1986 löste er das strukturelle Weisswein-Defizit eines Rotwein-Kantons, stabilisierte eine kriselnde Genossenschaftskellerei und begründete eine Kategorie, die heute mehr als ein Viertel der Tessiner Ernte ausmacht. Seine Vorgeschichte reicht bis zur Reblaus-Katastrophe und zur wissenschaftlichen Neubegründung des Tessiner Weinbaus durch Alderige Fantuzzi zurück; seine Zukunft hängt an Fragen, die grösser sind als er selbst — Klimawandel, sinkender Weinkonsum, das Ringen des Kantons um sein Profil zwischen roter Tradition und weisser Innovation. Vierzig Jahre nach der Lancierung ist der Schneeglöggli-Wii jedenfalls mehr als ein bekannter Name im Regal: Er ist der Beleg dafür, dass die wirkungsvollsten Innovationen der Schweizer Weinwirtschaft selten spektakulär daherkommen — sondern als pragmatische Antwort auf ein konkretes Problem, konsequent umgesetzt und über Jahrzehnte gepflegt.

Bleiben Sie informiert – Relevantes. Jeden Tag. Lesen Sie, worum es heute wirklich geht – in der Schweiz und der Welt: Gotthard-Stau im Juli 2026: An diesen Tagen wird es am schlimmsten

Teilen Sie dies: