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Die Schweiz ist Schokoladenland – doch selbst hier wird Kakao zunehmend zur strategischen Schwachstelle.Während in der Adventszeit Millionen Samichläuse verkauft werden, verschärfen sich im Hintergrund strukturelle Probleme entlang der globalen Lieferkette. Branchenvertreter sprechen nicht mehr von kurzfristigen Schwankungen, sondern von einem dauerhaften Risiko für die Rohstoffversorgung. Darüber berichtet NUME unter Berufung auf Recherchen von Schweizer Radio sowie aktuelle Forschungsdaten.

Ein Rohstoff verliert seine Selbstverständlichkeit

Noch vor wenigen Jahren galt Kakao als verlässlich verfügbar. Diese Annahme hat sich als trügerisch erwiesen. In Westafrika, wo ein Grossteil der weltweiten Kakaobohnen angebaut wird, führen anhaltende Trockenperioden, Starkregen, Pflanzenkrankheiten und veraltete Plantagen zu massiven Ernteverlusten. Gleichzeitig ist der Weltmarktpreis seit 2022 stark gestiegen und bleibt extrem volatil. Für Schweizer Hersteller bedeutet das: Einkaufspreise lassen sich kaum kalkulieren, langfristige Lieferverträge verlieren an Sicherheit.

Hoher Konsum trifft auf fragile Märkte

Die Nachfrage bleibt dennoch hoch. Mit rund 10 Kilogramm Schokolade pro Kopf und Jahr gehört die Schweiz weiterhin zur Weltspitze. Besonders Weihnachtsartikel – Samichläuse, Figuren und Baumschmuck – sind emotional stark verankert. Allein für den Binnenmarkt werden jährlich mehrere tausend Tonnen saisonaler Schokoladenprodukte hergestellt. Diese Diskrepanz zwischen stabiler Nachfrage und unsicherem Rohstoffangebot verschärft den Druck auf Produzenten und Detailhandel gleichermassen.

Preiserhöhungen sind kein Allheilmittel

Zwar wurden die Verkaufspreise schrittweise angepasst, doch der Spielraum ist begrenzt. Schokolade gilt in der Schweiz als Alltagsgenuss mit hohem Qualitätsanspruch. Deutliche Preissprünge bergen das Risiko von Absatzverlusten oder Handelskonflikten. Gleichzeitig wachsen die Erwartungen an Nachhaltigkeit, faire Lieferketten und geringere ökologische Belastungen.

Forschung als strategischer Ausweg

Vor diesem Hintergrund rückt die Wissenschaft in den Fokus. An der ETH Zürich arbeiten Forschende an Verfahren, die den Rohstoff Kakao effizienter nutzen. Dabei wird nicht nur die Bohne verarbeitet, sondern auch Fruchtfleisch und Schale. Diese Komponenten liefern natürliche Süsse und Ballaststoffe, senken den Zuckerbedarf und erhöhen die Wertschöpfung pro Frucht. Das Ziel ist kein Ersatz für klassische Schokolade, sondern eine robustere und ressourcenschonendere Rezeptur.

Kakao aus dem Bioreaktor – noch Zukunftsmusik

Einen Schritt weiter geht die ZHAW. Dort wird Kakao aus Zellkulturen erforscht, unabhängig von Erntezyklen und Wetterbedingungen. Die Technologie befindet sich noch in der Entwicklungsphase, ist kostenintensiv und regulatorisch nicht zugelassen. Fachleute rechnen frühestens in einigen Jahren mit einer Marktreife in Europa. Dennoch gilt der Ansatz als potenzieller Baustein zur langfristigen Absicherung der Versorgung.

Geschmack bleibt der Massstab

So technisch die Lösungen auch sind – am Ende entscheidet der Gaumen. Schokolade besteht aus hunderten Aromakomponenten, deren Zusammenspiel sensibel auf Verarbeitung, Fermentation und Röstung reagiert. Sensorische Tests zeigen, dass neue Verfahren nahe an das gewohnte Profil herankommen, jedoch feine Unterschiede aufweisen können. Für die Industrie ist das eine Gratwanderung zwischen Innovation und Tradition.

Kurzfristig wird sich an höheren Preisen und Unsicherheiten wenig ändern. Mittelfristig könnten neue Technologien helfen, die Abhängigkeit vom globalen Kakaomarkt zu reduzieren. Klar ist: Die Schweizer Schokolade steht nicht vor dem Ende, aber vor einer grundlegenden Neujustierung. Der Samichlaus bleibt – doch wie seine Schokolade künftig entsteht, ist längst keine rein romantische Frage mehr, sondern eine wirtschaftliche und ökologische.

Bleiben Sie informiert – Relevantes. Jeden Tag. Lesen Sie, worum es heute wirklich geht – in der Schweiz und der Welt: Schweizer Schokolade und Gesundheit: Wie dunkel darf sie sein – und was steckt wirklich

Foto von nume.ch

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