Digitec Galaxus verschärft den Kampf gegen manipulierte Kundenbewertungen: Der grösste Schweizer Onlinehändler hat rund 380'000 Rezensionen ohne verifizierten Kauf gelöscht und erlaubt neue Bewertungen ab sofort nur noch Kundinnen und Kunden, die das Produkt tatsächlich über die Plattform erworben haben. Wie NUME.ch unter Berufung auf Angaben von Digitec Galaxus und Medienberichte berichtet, reagiert das Unternehmen damit auf einen bekannt gewordenen Manipulationsfall rund um das Einbruchschutzsystem «Kevin», bei dem Mitarbeitende des Herstellers ihr eigenes Produkt positiv bewerteten, ohne jemals einen Kauf über den Onlinehändler getätigt zu haben.
Nach Angaben der Migros-Tochter wurden im Zuge eines umfassenden «Rating-Resets» sämtliche Bewertungen ohne Kaufnachweis entfernt. Künftig sollen ausschliesslich verifizierte Käuferinnen und Käufer Rezensionen veröffentlichen können. Der Schritt soll das Vertrauen in die Bewertungsplattform stärken und verhindern, dass Hersteller, Mitarbeitende oder andere Personen die Produktbewertungen gezielt beeinflussen. Der Fall «Kevin» hatte zuvor eine Debatte über die Glaubwürdigkeit von Online-Bewertungen ausgelöst und zeigte laut Digitec Galaxus Schwachstellen im bisherigen System auf. Das Unternehmen spricht von einer konsequenten Massnahme, um Transparenz, Fairness und die Aussagekraft der Bewertungen langfristig zu verbessern.
Was genau geändert wurde
Wer künftig auf den Plattformen von Galaxus und Digitec nach Produkten sucht, wird weniger, dafür aber verlässlichere Bewertungen sehen. Künftig dürfen bei den Onlineanbietern Digitec und Galaxus nur noch Kundinnen und Kunden Produkte bewerten, die diese auch tatsächlich über die Plattform gekauft und erhalten haben.
Bislang funktionierte das System deutlich offener. Bisher konnten Personen mit einem Nutzerkonto uneingeschränkt Sterne vergeben und Rezensionen schreiben. Zwar war jeweils vermerkt, ob ein Nutzer das Produkt gekauft hatte – doch diese Information ging im Gesamtbild oft unter, weil sämtliche Bewertungen gleichermassen ins durchschnittliche Sterne-Rating einflossen.
Die ursprüngliche Philosophie war bewusst inklusiv angelegt. Community-Leiterin Eveline Jordi fasst den bisherigen Ansatz so zusammen: Wer ein Produkt anderswo kaufte oder geschenkt bekam, sollte seine Erfahrung trotzdem teilen dürfen. Genau diese Offenheit öffnete jedoch die Tür für Missbrauch.
| Bereich | Bisher | Neu |
|---|---|---|
| Wer darf bewerten | Alle registrierten Nutzer | Nur verifizierte Käufer |
| Kaufnachweis | Angezeigt, aber irrelevant fürs Rating | Voraussetzung für Bewertung |
| Gelöschte Reviews | – | Rund 380'000 (ca. 4 %) |
| Punkte & Achievements | – | Bleiben erhalten |
Der Auslöser heisst «Kevin»
Den konkreten Anstoss gab das Schweizer Einbruchschutzsystem «Kevin». Dessen Höchstnoten stammten auffällig oft von Mitarbeitenden des Herstellers selbst, die das Gerät nie über Galaxus erworben hatten. ICTkommunikation
Die interne Recherche förderte ein klares Muster zutage: Während verifizierte Käufer das Gerät im Schnitt mit drei Sternen bewerteten, vergaben sämtliche Nutzer ohne nachgewiesenen Kauf die Höchstnote von fünf Sternen. Das Unternehmen beschreibt den Fall selbst als «der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte». Ähnliche Fälle habe die eigene Redaktion schon früher aufgedeckt.
Warum vor allem Nischenprodukte betroffen sind
Besonders stark wirkte sich die Manipulation bei Nischenprodukten und neu eingeführten Artikeln aus. Dort reichen oft bereits wenige zusätzliche Fünf-Sterne-Bewertungen aus, um das Gesamtrating deutlich zu verbessern und potenzielle Käufer zu beeinflussen. Während etablierte Produkte häufig Hunderte oder Tausende Rezensionen sammeln, können einzelne manipulierte Bewertungen bei wenig beachteten Angeboten einen erheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung haben.
Nach Angaben von Digitec Galaxus nutzten einzelne Hersteller diese Schwachstelle gezielt aus. Das Unternehmen erklärte, dass bestimmte Marken ihre eigenen Produkte künstlich aufwerteten und möglicherweise sogar Konkurrenzprodukte bewusst schlechter bewerten liessen. Obwohl solche Praktiken bereits bislang gegen die Plattformregeln verstiessen, erwies sich der Nachweis in vielen Fällen als schwierig.
Frust über den Service statt ehrliche Produktkritik
Neben gezielter Manipulation nennt Digitec Galaxus einen weiteren Grund für die Verschärfung der Bewertungsregeln. Das Unternehmen will sogenannte Backlash-Effekte eindämmen, bei denen Kundinnen und Kunden ihren Ärger über Lieferverzögerungen, den Kundenservice oder andere Probleme im Bestellprozess in Form negativer Produktbewertungen ausdrücken.
Solche Rezensionen sagen häufig wenig über die tatsächliche Qualität eines Produkts aus. Stattdessen spiegeln sie die Unzufriedenheit mit der Abwicklung eines Kaufs wider und können dadurch das Gesamtbild eines Artikels verfälschen. Nach Ansicht des Onlinehändlers sollen Bewertungen künftig wieder stärker die Eigenschaften und Leistung eines Produkts widerspiegeln.
Nutzerkonten bleiben bestehen
Von der gross angelegten Löschaktion betroffen sind ausschliesslich Bewertungen ohne verifizierten Kaufnachweis. Die Nutzerkonten selbst bleiben unverändert bestehen. Auch Punkte, Erfahrungsstufen und andere Elemente des Gamification-Systems werden nicht entfernt.
Laut Unternehmensangaben entsprechen die gelöschten Rezensionen rund vier Prozent aller Bewertungen auf Digitec und Galaxus. Der überwiegende Teil der vorhandenen Kundenmeinungen bleibt damit weiterhin auf den Plattformen sichtbar.
Strategische Abgrenzung gegenüber Temu und Co.
Mit dem Schritt verfolgt Digitec Galaxus auch ein strategisches Ziel. Der Schweizer Onlinehändler möchte sich stärker von internationalen Billigplattformen wie Temu abgrenzen und die Glaubwürdigkeit seiner Inhalte hervorheben. Kundenbewertungen gelten seit Jahren als wichtiger Bestandteil des Geschäftsmodells und werden regelmässig in Werbekampagnen und Marketingmassnahmen eingesetzt.
Für Digitec Galaxus sind vertrauenswürdige Rezensionen ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Das Unternehmen setzt darauf, dass verifizierte Bewertungen die Kaufentscheidungen der Kundschaft zuverlässiger unterstützen und langfristig das Vertrauen in die Plattform stärken.
Starke Geschäftszahlen trotz Bewertungsbereinigung
Wirtschaftlich befindet sich die Migros-Tochter weiterhin auf Wachstumskurs. Digitec Galaxus steigerte den Umsatz seiner Shops in der Schweiz und der Europäischen Union im Jahr 2025 um 17 Prozent auf knapp 3,8 Milliarden Franken.
Die Bereinigung des Bewertungssystems erfolgt damit in einer Phase, in der das Unternehmen seine Marktposition weiter ausbaut und gleichzeitig die Qualität der Nutzerinhalte stärker in den Mittelpunkt rückt.
Kritik an der Löschung Hunderttausender Bewertungen
Die Entscheidung sorgt jedoch auch für Diskussionen. Kritiker weisen darauf hin, dass nicht nur manipulierte Bewertungen verschwinden, sondern auch Rezensionen von Personen, die Produkte geschenkt erhalten oder bei anderen Händlern gekauft haben. Deren Erfahrungen können künftig nicht mehr in die Produktbewertung einfliessen.
Digitec Galaxus hält die Massnahme dennoch für gerechtfertigt. Nach Einschätzung des Unternehmens fällt der Verlust einzelner Bewertungen weniger ins Gewicht als der Gewinn an Transparenz und Glaubwürdigkeit. Ziel sei es, die Integrität des Bewertungssystems langfristig zu sichern und das Vertrauen der Kundinnen und Kunden nachhaltig zu stärken.
Fragen und Antworten zum Bewertungs-Reset bei Digitec Galaxus
Wie viele Bewertungen hat Digitec Galaxus gelöscht?
Der Onlinehändler hat rund 380'000 Produktbewertungen ohne verifizierten Kaufnachweis entfernt. Nach Unternehmensangaben entspricht dies knapp vier Prozent aller Rezensionen auf Digitec und Galaxus.
Wer darf Produkte künftig bewerten?
Neue Bewertungen können nur noch von Kundinnen und Kunden veröffentlicht werden, die das betreffende Produkt nachweislich über Digitec oder Galaxus gekauft und erhalten haben. Damit sollen Manipulationen deutlich erschwert werden.
Was war der Auslöser für die Massnahme?
Anlass war ein bekannt gewordener Manipulationsfall rund um das Einbruchschutzsystem «Kevin». Dabei hatten Mitarbeitende des Herstellers das eigene Produkt mit Bestnoten bewertet, obwohl kein Kauf über die Plattform erfolgt war.
Bleiben Nutzerkonten und Punkte erhalten?
Ja. Die Löschung betrifft ausschliesslich Bewertungen ohne Kaufnachweis. Nutzerprofile, gesammelte Punkte, Levels sowie Achievements im Gamification-System bleiben vollständig bestehen.
Warum sind besonders Nischenprodukte betroffen?
Bei Produkten mit wenigen Bewertungen können bereits einzelne gefälschte Fünf-Sterne-Rezensionen das Gesamtrating deutlich verändern. Dadurch entsteht für potenzielle Käufer ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Produktqualität.
Können weiterhin Produkte bewertet werden, die woanders gekauft wurden?
Nein. Bewertungen von Produkten, die nicht über Digitec oder Galaxus erworben wurden, sind künftig nicht mehr möglich. Das Unternehmen setzt vollständig auf verifizierte Käufe.
Warum führt Digitec Galaxus diese Änderung gerade jetzt ein?
Neben dem konkreten Manipulationsfall will der Händler die Glaubwürdigkeit seines Bewertungssystems stärken und sich stärker von internationalen Billigplattformen mit oft umstrittenen Bewertungssystemen abgrenzen.
Hat die Löschung Auswirkungen auf die Durchschnittsbewertungen?
Ja. Vor allem bei Artikeln mit wenigen Rezensionen können sich die Durchschnittswerte spürbar verändern, da nicht verifizierte Bewertungen aus der Berechnung entfernt wurden.
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