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Deutschland will bis zu 50 Millionen Euro für die Reparatur des beschädigten New Safe Confinement über dem zerstörten Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl bereitstellen. Bundesumweltminister Carsten Schneider besuchte die Anlage in der Ukraine und machte deutlich, weshalb Berlin den Zustand der Schutzhülle nicht als rein ukrainisches Problem betrachtet. Bei einem schweren nuklearen Zwischenfall könnten radioaktive Stoffe über Landesgrenzen hinweg verbreitet werden. Eine akute radiologische Gefährdung besteht nach den derzeit verfügbaren Messdaten allerdings nicht: Die Internationale Atomenergie-Organisation IAEA stellte nach dem Drohnentreffer vom 14. Februar 2025 weder auf dem Gelände noch ausserhalb der Anlage erhöhte Strahlungswerte fest. Die langfristige Schutzfunktion der Konstruktion wurde durch den Angriff jedoch beeinträchtigt. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, EBRD, rechnet mit Reparaturkosten von mindestens 500 Millionen Euro und strebt an, die volle Funktionsfähigkeit der Anlage bis 2030 wiederherzustellen. Deutschland würde mit den angekündigten 50 Millionen Euro damit rund einen Zehntel der derzeitigen Mindestschätzung übernehmen, berichtet die RedaktionNUME.CH unter Berufung auf Angaben des deutschen Bundesumweltministeriums, der IAEA und der EBRD.

Die Schutzhülle hat ihre ursprüngliche Funktion teilweise verloren

Das New Safe Confinement in Tschernobyl ist weit mehr als ein Dach über dem zerstörten Reaktor. Die gewaltige Stahlkonstruktion überspannt den alten Sarkophag, der nach der Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986 unter enormem Zeitdruck errichtet worden war. Sie soll radioaktive Stoffe von der Umwelt abschirmen und gleichzeitig ermöglichen, instabile Teile des alten Bauwerks kontrolliert abzubauen.

Die neue Hülle kostete mehr als zwei Milliarden Euro und entstand mit internationaler Finanzierung. Sie ist ungefähr 110 Meter hoch, 257 Meter breit und 162 Meter lang. Für die Konstruktion war eine Lebensdauer von mindestens 100 Jahren vorgesehen.

Der Drohnenangriff hat aus einem langfristig ausgelegten Schutzsystem erneut eine dringende internationale Sicherheitsaufgabe gemacht.

Am 14. Februar 2025 traf eine Drohne die Konstruktion. Es entstand ein Brand, der über längere Zeit bekämpft werden musste. Laut IAEA wurde das Dach auf der Nordseite erheblich und auf der Südseite in geringerem Umfang beschädigt. Die Behörde stellte später ausdrücklich fest, dass die sogenannte Confinement-Funktion beeinträchtigt worden sei. Gleichzeitig zeigten sämtliche Strahlungsmessungen nach dem Vorfall keine Erhöhung gegenüber den normalen Werten.

Das ist für die Bewertung der Lage entscheidend. Es gibt keine Grundlage für die Behauptung, derzeit ziehe eine radioaktive Wolke aus Tschernobyl nach Europa. Das Risiko liegt darin, dass eine beschädigte Schutzbarriere über einem hochradioaktiv belasteten Reaktor langfristig nicht in diesem Zustand bleiben kann.

Warum die Reparatur mindestens 500 Millionen Euro kosten dürfte

Die sichtbaren Schäden vermitteln nur einen Teil des Problems. Nach Angaben der EBRD wurden rund 200 Quadratmeter Verkleidung beschädigt, ausserdem entstand ein Loch von etwa 15 Quadratmetern. Die Membran wurde durchbrochen, die Konstruktion ist nicht mehr luftdicht. Auch Teile der Klima-, Lüftungs- und internen Kransysteme sind betroffen.

Damit steigt insbesondere das Korrosionsrisiko. Die riesige Stahlkonstruktion ist darauf ausgelegt, unter kontrollierten Bedingungen betrieben zu werden. Eindringende Feuchtigkeit kann diesen Schutz beeinträchtigen und auf Dauer tragende Elemente angreifen.

«Dass Atomkraftwerke durch Krieg beschädigt werden, ist leider ein Risiko unserer Zeit, auf das man auch in Deutschland im Notfallschutz vorbereitet sein muss», erklärte Carsten Schneider bereits im April 2026.

Eine vorläufige Untersuchung durch Novarka 2, zu der die ursprünglichen Planer und Erbauer Bouygues Travaux Publics und Vinci Construction Grands Projets gehören, kam zum Schluss, dass die Korrosion der Stahlkonstruktion die langfristige Sicherheit gefährden kann. Die EBRD nennt deshalb mindestens 500 Millionen Euro als derzeitige Grössenordnung für die notwendigen Reparaturen.

Die Reparatur der Tschernobyl-Schutzhülle soll schrittweise vorbereitet werden:

  1. Zuerst werden vorhandene technische Daten zusammengeführt und zusätzliche Untersuchungen vorgenommen.
  2. Danach sollen daraus konkrete technische Reparaturvarianten und eine Gesamtstrategie entwickelt werden.
  3. Im letzten Vorbereitungsschritt folgen Detailplanung, Ausschreibungsunterlagen und gegebenenfalls die frühe Bestellung von Bauteilen mit langen Lieferzeiten.

Für diese vorbereitenden Arbeiten haben die Geldgeber des von der EBRD verwalteten International Chornobyl Cooperation Account bereits 30 Millionen Euro freigegeben. Das Konto verfügte nach Angaben der Bank zuletzt über rund 70 Millionen Euro an Gebermitteln. Deutschland gehört neben der Europäischen Union, Frankreich, Norwegen, Grossbritannien, Kanada, Belgien und Italien zu den beteiligten Partnern.

Die zugesagten deutschen 50 Millionen Euro reichen nicht für die Gesamtreparatur, würden aber einen substanziellen Teil des noch fehlenden internationalen Finanzierungsbeitrags ausmachen.

Warum Deutschland die Schäden als eigenes Sicherheitsproblem betrachtet

Schneiders Aussage über eine Gefahr für Deutschland ist vor dem Hintergrund der Katastrophe von 1986 zu verstehen. Damals gelangten radioaktive Stoffe über Tausende Kilometer hinweg nach Mittel- und Westeuropa. Auch Deutschland und die Schweiz waren von radioaktivem Fallout betroffen.

Eine Staatsgrenze bietet bei einem schweren nuklearen Ereignis keinen Schutz. Windrichtung, Niederschläge und die Menge freigesetzter Stoffe entscheiden darüber, welche Regionen belastet werden.

Das deutsche Bundesumweltministerium verweist deshalb ausdrücklich darauf, dass die nukleare Sicherheit in der Ukraine auch im deutschen Interesse liegt. Schneider erklärte im April, eine neue internationale Kraftanstrengung für die beschädigte Schutzhülle sei notwendig und Deutschland werde sich aktiv an einer Lösung beteiligen.

Die Formulierung «ernste Gefahr für Deutschland» bedeutet dennoch nicht, dass das Ministerium aktuell vor einer bevorstehenden radioaktiven Belastung warnt. Die IAEA dokumentierte nach dem Angriff normale Strahlungswerte. Der Punkt des Ministers ist präventiv: Wenn eine zentrale Barriere über dem havarierten Reaktor dauerhaft beschädigt bleibt, steigt das langfristige Sicherheitsrisiko.

Diese Unterscheidung ist für eine sachliche Einordnung zentral. Tschernobyl befindet sich nicht in einer neuen Situation wie im April 1986. Zugleich kann das beschädigte Bauwerk nicht einfach seinem weiteren Verfall überlassen werden.

Der Krieg verändert die Risiken rund um Atomanlagen

Der Angriff auf die Schutzhülle steht nicht isoliert. Seit Beginn des russischen Grossangriffs auf die Ukraine im Februar 2022 sind nukleare Anlagen mehrfach direkt oder indirekt von Kampfhandlungen betroffen worden.

Russische Truppen besetzten das Gelände des Kernkraftwerks Tschernobyl zu Beginn der Invasion vorübergehend. An anderen ukrainischen Kernkraftwerken registriert die IAEA immer wieder Drohnen in der Umgebung, Luftalarme, Explosionen und Probleme mit der externen Stromversorgung.

Die Lage am Kernkraftwerk Saporischschja bleibt besonders heikel. Die sechs Reaktoren der Anlage produzieren derzeit keinen Strom, benötigen aber weiterhin funktionierende Sicherheits- und Kühlsysteme sowie eine zuverlässige externe Energieversorgung.

Ein Kernkraftwerk muss nicht direkt zerstört werden, damit militärische Handlungen ein nukleares Sicherheitsrisiko schaffen.

Genau darauf stützt Schneider auch seine grundsätzliche Kritik an der Atomenergie. Krieg fügt den bekannten technischen Risiken einen zusätzlichen Faktor hinzu: Drohnen, Raketen, beschädigte Stromleitungen oder Fehler im Umfeld einer Anlage können Sicherheitsfunktionen beeinträchtigen, selbst wenn ein Reaktor gar nicht das eigentliche Angriffsziel ist.

«Das gilt auch für den Unfallreaktor von Tschernobyl, dessen Schutzhülle von einer Drohne beschädigt wurde», erklärte Schneider zum 40. Jahrestag der Reaktorkatastrophe. Deutschland müsse auf solche Risiken auch im eigenen nuklearen Notfallschutz vorbereitet sein.

Die Arbeiten in Tschernobyl werden noch Jahrzehnte dauern

Selbst eine vollständige Reparatur des New Safe Confinement würde die Geschichte des havarierten Reaktors nicht abschliessen. Unter der neuen Hülle befinden sich weiterhin der alte Sarkophag, instabile Gebäudeteile und hochradioaktive Materialien aus dem zerstörten Reaktorkern.

Die eigentliche Aufgabe besteht deshalb darin, diese Strukturen kontrolliert zurückzubauen und radioaktive Abfälle langfristig sicher zu behandeln. Die Schutzhülle schafft dafür erst den notwendigen Arbeitsraum.

Die ukrainische Regierung beschloss im Juli 2026 einen Gesetzesentwurf, mit dem das staatliche Programm zur Stilllegung des Kernkraftwerks und zur Umwandlung des Objekts «Shelter» in ein umweltverträgliches System bis 2036 verlängert werden soll. Vorgesehen sind insgesamt rund 50,8 Milliarden Hrywnja. Davon sollen etwa 45,6 Milliarden aus dem ukrainischen Staatshaushalt und 5,2 Milliarden aus internationaler technischer Hilfe stammen.

Diese Summe ist nicht mit den mindestens 500 Millionen Euro für die Reparatur der beschädigten neuen Schutzhülle gleichzusetzen. Das ukrainische Programm umfasst wesentlich mehr Arbeiten und einen längeren Zeitraum.

Die nukleare Sicherheit in Tschernobyl besteht deshalb aus mehreren miteinander verbundenen Aufgaben:

  • beschädigte Teile des New Safe Confinement stabilisieren und reparieren;
  • Korrosion und das Eindringen von Feuchtigkeit begrenzen;
  • die Lüftungs-, Klima- und technischen Systeme wieder vollständig herstellen;
  • den alten Sarkophag und instabile Konstruktionen kontrolliert zurückbauen;
  • radioaktive Materialien dauerhaft sicher behandeln und lagern.

Die EBRD möchte die volle Funktion des New Safe Confinement bis 2030 wiederherstellen. Das weitergehende ukrainische Stilllegungsprogramm reicht mindestens bis 2036. Die Arbeiten am radioaktiven Inventar des zerstörten Blocks werden darüber hinaus fortgesetzt werden müssen.

Was derzeit tatsächlich bekannt ist

Der belastbare Stand lässt sich klar von dramatisierenden Interpretationen trennen. Der Drohnentreffer vom 14. Februar 2025 hat das New Safe Confinement schwer beschädigt und seine Einschlussfunktion beeinträchtigt. Die IAEA registrierte danach jedoch keine erhöhten Strahlungswerte. Die EBRD veranschlagt die Reparatur aktuell mit mindestens 500 Millionen Euro und hat mit den internationalen Geldgebern 30 Millionen Euro für technische Vorarbeiten freigegeben. Deutschland plant zusätzlich bis zu 50 Millionen Euro für die Wiederherstellung der Anlage.

Für Schneider ist diese Finanzierung auch eine Investition in die Sicherheit Europas. Sein Argument beruht nicht auf einer akuten Strahlengefahr, sondern auf einem bekannten Prinzip des nuklearen Notfallschutzes: Ein schwerer Zwischenfall in Tschernobyl wäre kein lokales Ereignis. Die beschädigte Hülle soll deshalb repariert werden, bevor Korrosion und weitere äussere Einwirkungen die Schutzfunktion zusätzlich schwächen.

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